Snickers & Saurier

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2014/07/03 von Jörn

Altiplano, seit meiner Jugend für mich DER Begriff den ich mit Südamerika allgemein und den Anden im Besonderen assoziiere. Eine Ebene, eingekeilt von den beiden Kordilleren, eben, aber auf einer Höhe die es in Europa eigentlich nur in Schräglage gibt, alleine die Beschreibung weckt Sehnsucht, weckt Reiselust und Neugier. Dort wollte ich immer schon mal hin, dies wollte ich selbst erleben. Nun fahre ich entlang des Altiplano (deutsch: hoch &flach) und muss einsehen es ist genau dies, hoch und flach. Nein, nicht wirklich flach, eher leicht hügelig…. Aber ernüchternd platt und durch und durch langweilig.

 

Die Fahrt gewinnt erst wieder an Reiz als wir uns dem zentralen Hochland und Cochabamba nähern. Ein bisschen übersehen fristet die viertgrößte Stadt Boliviens ein

Im Gitarrenmarkt

Im Gitarrenmarkt

Schattendasein auf dem, nicht nur geografischen, Mittelmaß zwischen dem geschäftigen lebhaften La Paz und dem tropisch exotischem Santa Cruz (mit den schönsten Frauen ganz Boliviens). Aber hier ist es nach dem eisigen Nächten auf dem Hochebenen endlich mal wieder angenehm warm (nicht zu heiß) und das Leben läuft ganz unhektisch und überschaubar ab – sehr gefällig. Wollte zB der BMW-Dealer in LP, zu dem man sich ein Stunde lang durch Stadtverkehr quälen musste, doch ein paar Bremsbeläge erst für mindestens 180 USD (in Worten einhundertachtzig!) veräußern, geht man in

Im Genüsemarkt

Im Genüsemarkt

Cochabamba einfach gegenüber in einen zufällig gewählten Motorradhandel und findet dort auf Lager passende Beläge europäischer Hersteller für nur 25 USD – und bekommt noch ein paar Motorradgeschichten gratis dazu. So angenehm einfach kann Verschleißteilbeschaffung sein. Aber Cochabamba ist auch keine normale Marktstadt, die ganze Stadt ist EIN Markt, der größte in ganz Südamerika! Und zweimal pro Woche kommt noch der Strassenmarkt dazu. Der ist wirklich gigantisch, die Größe als Ganzes nicht zu erfassen. Wer an einem solchen Markttag die Innenstadt durchfahren muss… viel Spaß!

 

Cochabamba ist auch Uni-Stadt, dies betonen nicht nur die vielen jungen Menschen im Stadtbild und die lebhafte Kneipenszene. Seit drei Tagen schon gehen jeden Nachmittag studentische Protestmärsche mit viel Krawall und Sprengkörpern durch die Stadtmitte, aber heute gibt’s den Wochenendzuschlag, brennende Mülltonnen, Straßensperren und Spezialeinheiten mit Wasserwerfen und Tränengas inklusive. Viva la revolution.

Das der Headliner des heutigen Metal-Konzert kurzfristig absagt hat nichts mit den Protesten zu tun, und scheinbar stört niemanden die Absage wirklich. Die Vorbands spielen trotzdem und so kommen wir in den skurrilen Genuss von „Nervosa“, einer All-Girl-Latinaband die 80ger-Thrash im Stile der jungen Kreator reicht. Dies alleine wäre Nervosabereits unterhaltsam, jedoch werden wir schon vor Beginn der Beschallung an der Theke direkt von Liam betreut, der mit seiner Mikrobrauerei „Stier-Bier“ heute die durstigen Seelen bedient. Naja, so kann wenigstens niemand behaupten wir wären nicht gewarnt gewesen. Der Abend endet jedenfalls früh morgens in einer weiteren sehr unterhaltsamen Musik-Kneipe (wens interessiert: Sub-Pub, kein Schild & ihr müsst klingeln 😉 ). Neben dem Stierbier hat uns eine andere, ganz besondere Köstlichkeit überzeugt. Die örtlichen Eisdielen sind umwerfend gut und, ich gebe es nur ungern zu, das Snickers-Eis schmeckt sogar deutlich besser als zuhause. Mag sein das ich einmal zu oft dort war, aber am Ende muss ich gar nicht mehr ordern, ein Kopfnicken zur Bedienung reicht; Stammkneipenzustände in der Heladeria.

 

Im Reich der Riesenechsen

Nach dem lässigen Großstadtleben folgt das genaue Gegenteil, folgen drei Tage Steinzeit. Torotoro, die winzige Siedlung im gleichnamigen Nationalpark liegt eigentlich

Weg nach Torotoro (im guten Teil;-))

Weg nach Torotoro (im guten Teil;-))

schon im Bezirk Potosi, ist aber sinnvoll nur von Cochabamba aus zu erreichen (und das nur während der Trockenzeit). Mussten bis vor ein paar Jahren interessierte Reisende noch in den Flieger steigen, gibt es nun eine befestigte „Strasse“. Diese ist zwar besser als gedacht, trotzdem benötigen wir für die nur 140 Km mehr als einen halben Tag, und das obwohl wir „leicht“ reisen und all unser Gepäck in Cochabamba zwischengelagert haben. Aber mit jedem gefahrenen Meter entlohnt schon die Landschaft die strapaziöse Zufahrt mehr und mehr, wirkt schon weit vorm Park recht urzeitlich.

..oder anderen Welt.

..oder anderen Welt.

Dies ist kein gewöhnlicher Naturpark, hier wird nicht Tier- oder Pflanzenwelt vorm aussterben gerettet, im Gegenteil, die Hauptdarsteller des Torotoro sind schon lange tot. Tiefe Schluchten, Höhlenlabyrinthe, Fossilien, Siedlungen aus der Vorzeit, und unzählige Dinosaurierabdrücke sind die versteinerten Zeugen längst vergangener Zeitalter. In Torotoro dreht sich alles um die Urzeit.

Am Seil, manchmal am Bauch oder am Hintern

Am Seil, manchmal am Bauch oder am Hintern

Unser erster Tag gehört den Höhlen. Umberto ist ein klasse Guide (absolute Empfehlung!), doch während er, auf über 3000m, wie ein Äffchen von Stein zu Stein und über Felsspalten springt, schleppen wir uns acht Stunden lang hechelnd und Halt suchen hinter ihm her. Die Wanderungen durch die Labyrinthe von Ita, mit Wandmalereien und bizarren Felsformationen, und die Umanjalanta-Höhle, mit unterirdischen Wasserfall und einem See mit augenlosen Fischen, sind absolut beeindruckend. Aber trittsicher und schwindelfrei sollte der Besucher schon sein, dabei weder übergewichtig noch klaustrophobisch, geht es doch stundenlang ungesichert über Trittleitern, feuchte Felsen und durch

enge Felsspalten. Diese sind besonders kribbelnd; kann man sich doch durch die vertikalen oder horizontalen noch irgendwie mit den Zehen vorwärts schieben, so sind bei denn schrägen und schiefen ganz andere Techniken gefragt.

Eindeutig ein Raptor

Eindeutig ein Raptor

Tag zwei dringt tief in Schluchten und tief in die Vergangenheit. Über 2500 Abdrücke von Theropoden und Sauropoden sind im direkten Umfeld von Tototoro sichtbar (viel mehr sind noch verborgen), die typisch drei-zehigen Abdrücke der Raptoren und die gigantischen Tritte der vierbeinigen Pflanzenfressen, vor 100 Millionen Jahren der echte Jurassic Park. Wir lernen von der Schrittweite auf die Schulterhöhe zu schließen und mit ein bisschen Übung lässt sich an den Tritten erkennen ob seinerzeit lässig geschlendert oder hektisch gerannt wurde… Kopfkino mittels steinerner Schnappschüsse aus der Jura-Zeit.

Please kids, dont try this athome!

Please kids, dont try this athome!

Der Park ist klein und lässt sich gut in zwei/drei Tagen erkunden (und mit dem Mopped darf man wieder weiter hinein als mit dem Wagen 😉 ), wer die Zeit für diesen Abstecher hat sollte es unbedingt tun. Ihr werdet es nicht bereuen, die nötigen Strapazen werden fürstlich, nicht zu sagen dinohaft, belohnt.

 

Bilder der Kletterpartien ins Mesozoikum findet ihr wie immer unter:

https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/bolivien

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