Kot und Köter

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2014/08/25 von Jörn

When the going gets tough

Bolivien ist ein Land mit vielen Ecken und Kanten, ein Land mit dem man sich auseinander setzen muss, das Land was wohl besser nach Afrika passen würde als nach Lateinamerika. Schroff der Unterschied zwischen dem Tiefland und dem indigen dominierten Altiplano, nur 10 Millionen Einwohner auf einer Fläche 3x so groß wie die der BRD. Vier Jahrhunderte Ausbeutung, erst die spanischen Konquistadores, dann korrupte einheimische Politiker, hinterlassen im ärmsten Land Südamerikas ein tief gekränktes Volk. Man feiert den „Tag des Meeres“ und leistet sich eine Marine, obwohl Bolivien nicht mal einen Zugang zum Meer hat. Geht man jedoch in einen Laden und möchte mit einem Boliviano-Schein bezahlen ist ein 50er hoffnungslos viel, ein 100er unmöglich. Der 50er, Gegenwert 5 Euro, bringen jedes Mal die Kasse zum platzen, selbst wenn für 3,50 eingekauft wurde, am ATM aber gibt es ausschließlich 100er. So ist Bolivien.

_DSC3475Bolivien ist genauso schwer zu verstehen wie zu bereisen. Straßen und Versorgung sind mäßig, das Vorwärtskommen mühsam. Kein wunder das dieses Land vor die Hunde geht, bei Öffnungszeiten wie folgenden: Sa zu, So zu, manche Tiendas öffnen erst Di um 10oo, aber ab 12oo ist schon wieder Siesta. Nicht das das Gesuchte dann erhältlich wäre, und wenn doch, auch das hab ich schon selbst erlebt, heißt das ja lange noch nicht das es auch an einen Gringo verkauft wird. Die Angewohnheit der Indigenen Weiße, ob hispanophon oder nicht, grundsätzlich zu ignorieren kann einem ziemlich auf den Zeiger gehen, ähnlich wie die Angewohnheit mündlich unangenehme Tatsachen kräftig dem Nutzen zu beugen („sie haben ja nicht gefragt ob wir HEUTE warmes Wasser haben – das Internet geht dafür aber jeden Tag … von 8-10 Uhr!“). Das Klima krass, die Luft so trocken, so kalt, das seit Tagen nur noch rot statt grün geschneutzt wird, die Lunge rasselt und ein kurzer Marsch in die Stadt bringt einen klapprigen Rentner zurück.

_DSC3556Wer hier nicht kerngesund ist tut seinem Allgemeinzustand keinen gefallen, so kommt es wohl auch das Stephans Erkältung sich zu einer waschechten und komplizierten Lungenentzündung mausert. In Unyuni kann die Ambulanz nicht mehr weiterhelfen, wir müssen zurück in die nächstgrößere Klinik, zurück nach Potosi. Wer mit Boliviens Geografie vertraut ist darf sich jetzt an dieser Stelle schon wundern, den andern sei nun mitgeteilt: Potosi liegt auf 4100 müNN, dh noch ganze 500m höher, ungeschützt auf einen windigen, staubigen Plateau – wahrlich der „optimale“ Platz um eine kritische Atemwegserkrankung auszukurieren.

 

Kot und Köter

_DSC3490Potosi, einst die reichste Stadt Kolonial-Spaniens, nun die ärmste im bettelarmen Bolivien. Wäre die ganze Stadt überall so aufwändig renoviert wie um den Plaza, Potosi hätte die mit Abstand schönste koloniale Altstadt Südamerikas. Doch so gehören bereits zwei Blöcke weiter Glanz und Gloria einer weit entfernten Vergangenheit an. Die Häuser verfallen und selbst die Bürgersteige sind einfach nur kaputt. Bei Gehen muss man seinen Blick jedoch sowieso gesenkt halten um nicht in einen der im 2-Meter-Abstand (und ich meine 2-m-Abstand!) liegenden Hundehaufen zu latschen. So verwahrlost habe ich noch keine Gemeinde auf der ganzen Reise erlebt, nicht mal im -auch sehr armen- Nicaragua. Aber es stört hier offensichtlich niemanden das die Köter zum kacken einfach auf den Trottoir geschickt werden, im Gegenteil. Noch nie in meinen Leben habe ich so viele Menschen, Männchen wie Weibchen, alt wie jung, einfach auf die Strasse pissen sehen. Viele bemitleiden sicher die Mineros die sich in den Mienen am Cerro Rico buckelig und krank schuften ohne allzu oft das Tageslicht zu sehen…. Ich denke mir nun eher das genau diese die Feinfühligen, die Ästheten aus der Potosi- Bevölkerung sind, die, die einfach das Elend auf den Strassen nicht weiter mit anschauen möchten…

_DSC3590Nach drei beschwerlichen Wochen in der wohl beschwerlichsten Stadt Boliviens läuft mein TIP langsam ab, eine Verlängerung vor Ort scheinbar nicht möglich, zwingt mich Bolivien nun gott-sei-dank sein Staatsgebiet endgültig zu verlassen. Pünktlich zu DEM sportlichen Großereignis, morgen spielt die deutsche Nationalmanschaft im Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft gegen Argentinien, stehe ich an der Argentinischen Grenze…

 

Bilder der staubigen Minenstadt gibt’s unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/bolivien

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2 Kommentare zu “Kot und Köter

  1. Henry sagt:

    Und alles das (bis auf die Hundehaufen) ist der Grund, warum Bolivien das tollste Land in Südamerika ist!

    Gefällt mir

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