Rituallandschaften

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2014/06/06 von Jörn

Zum einmal Linksabbiegen 500 Meter weiter einen U-turn und dann trotzdem wieder nach links (was ja nun rechts sein müsste) die Fahrbahn verlassen. Bevor ich diesen Kniff der peruanischen Strassenbauer durchschaue muss ich die Kreuzung tatsächlich dreimal erfolglos in sämtliche Richtungen überqueren. Mit solchen Eskapaden belegt Lima uneinholbar meinen persönlichen ersten Rang in Sachen unsinniger Verkehrsführung, doch hat man erst einmal die Vororte hinter sich gelassen wird’s schnell langweilig. Eintönig reiht sich an der Küstenebene eine (bewässerte) Plantagenanlage an die nächste, unterbrochen nur von Hühnerfarmen die diesen Plantagen in Größe kaum nachstehen (und die man meist schon riecht bevor man sie sehen kann). Zur Abwechselung riecht Pisco (von dem das peruanische Nationalgetränk _DSC1460seinen Namen hat) kräftig nach Fisch, ist hier doch der Großteil der hiesigen Fangindustrie beheimatet, so das ich gleich bis _DSC1490Paracas durchrausch. Hier bekomme ich meinen ersten Kontakt mit der peruanischen Fremdenverkehrs-Industrie: Portionen klein, Preise hoch. Auch Entdeckungsfahrten ins Umland enden nach ein paar Metern an der Grenze, sehr großzügig bemessenen, Nationalpark. Hmm, so macht das Auskundschaften keinen Spaß, also einfach weiter nach Huancachina.

 

_DSC1538Hier sind die Preise noch frecher, die Portionen noch kleiner. Aber dafür wird wenigstens etwas geboten. Huancachina (Quechua: der Ort des weinenden Mädchens) wirkt auf den ersten blick wie eine Oase aus 1001 Nacht, doch hinter der nächsten Düne beginnt nicht der große Erg, ….dort beginnt die Großstadt Ica (vielleicht weint das Mädchen deshalb). Die Anmutung gleicht den geheimnisvollen Gärten von _DSC1554Zazura, …doch den ganzen Tag über röhren die auspufflosen V8 der Dune-Buggies (überladen mit Touristen) die Gassen hinauf und purzeln Sandboarder die Hänge hinab. Aber irgendwie geht hier einem alten Saharafahrer doch das Herz auf, Huancachina ist ganz nahe am Rande zum gaga, aber mir gefällts 🙂 .

 

 

La Linea

Schon bevor man das Städtchen Nasca erreicht durchschneidet die Strasse eine vegetationslose Hochebene… und dabei bereits ein paar der bekannten Scharrbilder. Von _DSC1609einem Aussichtsturm neben der PanAm lassen sich gerade mal drei der Figuren erblicken, hier kann man in Etwa erahnen welche akribische Fleißarbeit die rührige Maria Reiche einst geleistet haben muß um die Geoglyphen zu erfassen und der Welt bekannt zu machen. Erst 1924 entdeckt und weiterhin von offiziellen Stellen ignoriert, verbrachte die rührige Deutsche ihr ganzes Leben auf einer Stehleiter in der Wüste, sich unermüdlich für Erhalt und Schutz der nur wenigen Zentimeter tiefen Rinnen einsetzend. Erst durch die Initiative Reiches ergriff die peruanische Regierung Maßnahmen, um eine weitere Zerstörung zu verhindern und nur auf ihr Betreiben hin wurden die Geoglyphen endlich 1994 von der UNESCO als „Linien und Bodenzeichnungen von Nasca und Pampa de Jumana“ zum Weltkulturerbe erklärt. Eine mutige Frau, eine Avantgardistin der Wissenschaft.

_DSC1619Heute hat man es deutlich einfacher als Fräulein Reiche, die sich außen an die Kufen eines Hubschraubers binden ließ um erste Luftaufnahmen zu erstellen. Heutzutage könnte man einfach eines der wartenden Touristen-Flugzeuge besteigen. Man könnte…aber. Den Besuch von Miez, die eigentlich gerade jetzt mit mir Peru bereisen wollte, mussten wir leider verschieben, jedoch ist Peru als Reiseziel geblieben. Und so spare ich mir (im wahrsten Sinne des Wortes) die inzwischen doch heftig teuren Touren zu den „Must-Sees“ um Nasca und Cuzco auf bis zum gemeinsamen Besuch in ein paar Wochen.

 

Necropolis

_DSC1754Ein paar kleine Löcher im Boden können aber Höhepunkte genug sein. Die Nekropolen von Chauchilla sind für den Freund schauriger Plätze ein Pflichtbesuch. Ca 30 Kilometer südlich von Nasca, am Ende einer sandigen Piste gelegen, hat man mit etwas Glück die ganze Mumienbande in friedlicher Stille ganz für sich alleine. Seit über 1000 Jahren sitzen sie hier, manche alleine, andere _DSC1702in Familiengruften, und harren der Zeit und den Grabräubern. _DSC1743Das Gelände liegt vollkommen offen in der Wüste, inzwischen wenigstens abgeschattet und bewacht, sind heute etwa 20 Tomben offiziell freigelegt. Harzgetränkt und von der trockenen Wüstenluft konserviert sind darin sogar noch Kleidung und Haarpracht der Leichname fast lebendig erhalten, während von den Körpern nur noch die, strahlend weißen, Skelette vorhanden sind. Doch die freigelegten Ruhestätten sind nur ein keiner Teil der Grabanlage, weithin sichtbar _DSC1745schlummern auf der ganzen Ebene noch unzählige Höhlen. Und buddelt man einmal ein bisschen im Sand, nur oberflächlich – gar nicht tief, so hat man mit Sicherheit eine Tonscherbe, einen Stofffetzen oder gar ein Knochenstück aus prä-inkazeiten in der Hand. Schaurig UND schön!

 

Bilder vom lachenden Leichen gibt’s unter: https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/peru/

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