Das vergessene Land

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2014/05/16 von Jörn

Bei Macara gibt es keine großartigen Grenzanlagen, zwei Baucontainer müssen hier als klimatisiertes(!) Büro genügen. Der nötige Geldwechsel findet im angrenzenden Dörfchen statt. Hier gibt es nicht mal einen Container. Ein halbe Runde um den Dorfplatz reicht, schon spricht ein Rentner(?) die beiden Gringos an und wedelt, ganz ungeniert, mit einem Bündel Noten. Der Kurs ist fair und auf der Treppe zum Kinderkarussell werden Scheine gestapelt, der Deal perfekt gemacht. So kundennah läuft das Bankengeschäft in Lateinamerika.

 

Dann Peru.

Flach, sandig, heiß, trostlos. Müll und Dörfer mit Häusern aus Müll und Bastmatten, die genau so auch im Sahel, im Tschad stehen könnten, wäre da nicht das 10m breite schwarze Asphaltband der PanAm, auf dem unablässig luxuriöse Doppeldecker-Busse

Peru, der vergessenen Norden

Peru, der vergessenen Norden

entlang schießen. Lange Kilometer, dreckige Landschaft, dreckiger Sand, dreckige Wüste, so schrieb einst A. Altman. Dies gilt heute noch. Peru als „Andenstaat“ zu deklarieren ist eigentlich ein dreister Etikettenschwindel. Zugegeben: 20% der Landfläche sind faktisch im Gebirge, aber der weitaus größte Anteil mit 60%, sind tatsächlich Dschungel! Wir betreten diesen eigentlichen „Dschungelstaat“ gerade aber durch den verbleienden Rest, durch die Wüste. Der Desertio De Sechura ist selbst für peruanische Verhältnisse „jwd“. Eine bitterarme Einöde, mehrere Tagesreisen entfernt von der Hauptstadt, ein vergessenes Land. Eines war jedoch sehr auffällig: zum ersten Mal auf der Reise, zum ersten Mal seit sieben Monaten, wird der gerade fällige Wechselgeldbetrag OHNE Taschenrechner eruiert, zum ersten Mal treffen wir einen Kellner der Kopfrechnen kann! Gott sei dank hier auch ein kleiner Unterschied zum Tschad.

 

Querverkehr

Querverkehr

Es ist windig, bewölkt und kühl, ein Sandsturm(stürmchen) zieht auf und bläst feinsten Staub in jede Ritze, bis unter die Brille (bei geschlossenem Visier!). Trujillo ist die Einäugige unter den Blinden, von den Hässlichen noch eine der Attraktivsten. Und bietet dem, der sich die Mühe macht bis dorthin zu stauben, einige, nur wenig besuchte, Wüstenblumen. Hier in der unwirtlichen Küstenebene befindet sich die Wiege aller Peruanischen Hochkulturen, hier haben sich die Inka den Großteil ihrer Handwerkskünste zusammengeklaut. Bewässerungssysteme, Metallverarbeitung und Keramiktechniken (kunstvoll bis erotisch) sind eigentlich Errungenschaften der Völker der Küstenwüste, die später alle von den Quechua („Inka“ ist der Königtitels der Quechua) übernommen wurden. Lediglich die Technik, Fische durch abgerichtete Pelikane fangen zu lassen, hat komischerweise den Weg in die Berge nicht gefunden. 😉

Einige beeindruckenden Zeugnisse der alten Chimu- und Moche- Kulturen sind dabei durchaus noch im Sand verborgen, einige davon gibt’s „bereits“ zu sehen. Museo Tumbas Reales de Sípan, das schönste Museum Perus ist gleich um die Ecke und im

Huaca de la Sol

Huaca de la Sol

direkten Einzugsgebiet Trujillos liegen Chan-Chan und die Reste der Moche-Tempel. Die Letztgenannten faszinieren dabei noch viel mehr als die geglätteten Lehmlabyrinthe des UNESCO-geadelten Chan-Chan. Bei den Huacas de Moche (der ursprüngliche Name wird, mangels schriftlicher Zeitzeugen, wohl für immer ein Geheimnis bleiben) dreht es sich hauptsächlich um zwei Lehmpyramiden und der dazwischen liegenden Stadt.

Von der alten Siedlung ist nur wenig übrig, aber die flankierenden Sonne- und Mondtempel bilden die größten massiven Bauwerke Kontinentalamerikas. Jeder neuere, nun größere Tempel wurde von den alten Moche beginnend auf der höchsten Ebene des jeweiligen Vorgängerbauwerks errichtet, das dabei als Fundament diente und deshalb vorher, quasi im laufenden Betrieb, mit Sand und Lehmziegeln aufgefüllt wurde. Dadurch wuchsen die neuen Heiligtümer immer weiter gen Himmel und dadurch sind die fünf nun verschütteten älteren in einem phantastischen Erhaltungszustand, alle

Mystische Männchen

Mystische Männchen

mythischen Malereien und Friese in fantastischen Farben konserviert. Leider müsste man jedoch, möchte man die älteste Anlage komplett freilegen, zuerst alle neueren Ebenen abtragen. Bisschen unpraktisch, daher wird die Tempel-Pyramide von den Archäologen an einigen Stellen geschält wie eine Zwiebel, hier mehr, dort weniger. Wer sich für die alten Lehmbauten begeistern kann dem sei hier noch DER Unterkunftstipp für Trujillo ans Herz gelegt. Clara führt nebenbei in ihrer Casa ein kleines B&B, ist aber, trotz ihres vorgeschrittenen Alters, noch mit ganzer Seele Archäologin. In USA und der _DSC0886Schweiz studiert, erkannte sie früh die Bedeutung der Pyramiden und setze sich schon für deren Schutz ein, als die Peruanische Regierung noch tatenlos den Tempelräubern bei den nächtlichen Streifzügen zugesehen hat. Das ist nun Geschichte, aber wer möchte kann zusammen mit der „Mutter der Moche-Tempel“ eine exklusive Tour durch die Vergangenheit antreten. Und nebenbei sind die beiden alten Damen die das Casa führen noch ganz motorradverrückt. J

 

Erste Eindrücke aus der Einöde gibts unter: https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/peru/

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