Casa Richling

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2014/04/18 von Jörn

Der Schlüssel zum Glück sind bescheidene Erwartungen
(alte Psychologen-Weisheit)

Whiplash!
Wir satteln unsere Iron Horses und reiten gen Metal-Mekka. Kein Stopp, nicht mal am Äquator (der auf Nebenstrassen auch gar nicht ausgewiesen ist), lediglich zum Tanken halten wir an. 1,48 USD steht an der Säule, das wäre teurer wenn Vater Staat den Benzinpreis nicht seit fünf Jahren eingefroren hätte, und zwar für Gallonen!! Die BMWs sind sehr zurückhaltend im Verbrauch (zw 3,5 und 4 l/100Km), trotzdem, für weniger als vier Euro voll zu tanken ist eine echte Freude.
Diese vergeht uns allerdings auch recht schnell wieder als wir in Quito in unserem Hostel ankommen. Alle, wirklich ALLE anderen Gäste haben selbstverständlich schon ihre Metallica-Karten; teilweise über obskure Wege oder über ebay, wo die Tickets der untersten Kategorie (Preferencia, wie genial!) etwa zum doppelten Preis gehandelt werden. Aber selbst wenn wir die 130 Dollar ausgeben wollten, man macht uns wenig Hoffnung. Dies ist der erste Metallica-Gig in Ecuador überhaupt, es zelten daher seit gestern sogar schon Fans vor den Toren des Veranstaltungsgeländes.
_DSC0025Aber nun sind wir schon vor Ort, da geben wir nicht so schnell auf. Auf den guten Rat eines Einheimischen fahren wir am nächsten Morgen aber nicht zum Konzertgelände, sondern probieren erst die Niederlassung des Veranstalters im Fußballstadion. Schon als wir aus dem Bus steigen werden wir von offiziellen(!) Ticketverkäufern angesprochen und noch bevor wir uns versehen haben wir Eintrittskarten, da ohne Versand, zum Irrsinnspreis von nur 60 $ in der Hand. Hahaha- nehmt dies ihr Schwarzseher – Whiplash! 😀
Zusammen mit Henry und seinen Mädels (oder den Mädels mit Henry) sind wir äußerst vergnüglich unterwegs (siehe auch http://henry.shortandsimple.de/) zum Open-Air. Die Herren um James Hetfield sind ebenfalls gut aufgelegt und geben fast zweieinhalb Stunden lang ihre größten Hits und rares Material zum Besten. Der letzte Song (vor der Zugabe) wird live per SMS-TED ermittelt (leider landet „Whiplash“ nur auf Rang 2 *hahaha*), der Sound ist gut, es gibt Video-Leinwände und Pyros vom Feinen, das Volk ist locker und das Wetter trocken- was will man mehr?
P1060654Etwas zum Trinken zum Beispiel! Der alte Stadt-Flughafen von Quito wird erst seit drei Monaten auch als Open-Air-Bühne benutzt und solch ein großes Konzert hat Ecuador bis dato noch nicht gesehen. Die Angst ist groß (und dann auch noch Thrash-Metal!!), seit Wochen wird auf den Titelseiten der „Fachpresse“ politisiert, diverse Buslinien sind heute aus Sicherheitsgründen eingestellt und Strassen gesperrt. 2000 Polizisten, meist in kompletten Panzer mit Schild und Bewaffnung, säumen das gesamte Umfeld des Konzertes. Dass kein Alkohol ausgeschenkt wird war bereits bekannt – genauso wie die Tatsache das Gürtel verboten sind (sic!). Aber auf dem ganzen Gelände, das immerhin um 14Uhr bereits geöffnet hatte, gab es weder Wasser noch sonstige Getränke zu erstehen, von Essen ganz zu schweigen… ob DAS der richtige Weg zur De-Eskalation ist???
Wir de-eskalieren uns selbst jedenfalls anschließend noch erfolgreich bis nachts um drei vorm kuscheligen Kaminfeuer der Casa Helbling… until it sleeps 🙂

Casa Richling
In großen Städten ad-hoc eine passable Unterkunft zu finden ist meist unmöglich. Zu unübersichtlich, zu viel Verkehr um sich auf den Zufall zu verlassen –vor allem wenn man sich nicht auskennt. Daher ist in den Millionenstädten immer ein bisschen _DSC0149Recherche im Vorfeld von Nöten, Guidebooks und Reiseberichte werden gewälzt. Hat man etwas viel versprechendes gefunden bleibt dann „nur“ noch die Frage zu klären ob auch Platz für zwei ausgewachsene Motorräder vorhanden ist – gerade in den Altstädten seeeehr schwierig. In Quito springt uns das Casa Helbling ins Auge und schon die Kommunikation im Vorfeld ist genauso erheiternd wie die Begrüßung. Wenn mir jemand erzählen würde Mathias Richling hätte einen älteren „badensischen“ Bruder (Achtung: Richling ist Schwabe – nicht verwechseln!!) und dieser hätte uns hier in Empfang genommen, ich hätte es geglaubt. Doch die Casa ist nicht nur Kabarett. Ich bin schon viel gereist, aber noch in keiner Unterkunft wurde sich so hingebungsvoll um die Wünsche der Gäste gekümmert. Keine Frage bleibt offen, nicht mal die nach dem Sport-BH (nicht für mich). Da merkt man das die ganze Besatzung Abitur hat :-D! Man ist auf die Bedürfnisse Individualreisender und Bergsteiger eingestellt, hat entsprechende robuste Waschmaschinen und Räumlichkeiten. Die Zimmer (mit Leseleuchte) und Gemeinschaftsräume sind liebevoll ausgestattet, es gibt den besagten Kamin, Dachterrassen und toll eingerichtete Bäder. Und hier wird sich gekümmert. Es herrscht eine Atmosphäre in der man sich sofort wohl fühlt, die auch _DSC0026entsprechende Gäste anzieht, länger festhält oder wiederkommen lässt. Hier wird morgens zusammen gefrühstückt und abends zusammen um die Häuser gezogen, ein Backpacker-Hostel der „alten Schule“. Hubert, Claus und Geraldine: Alles richtig gemacht. Das beste Hostel der bisherigen Tour!

Speier-Echsen
_DSC0133Quito hat einen denkbar schlechten Ruf, über-erfüllt dadurch aber die (nicht sehr hohen) Erwartungen bei Weitem. Viele nette Lokale, lebhafte Plätze und in der Neustadt kann man auch nachts ganz unbekümmert schlendern gehen. Schon Mittwochabends sind die Strassen voller Menschen, Samstagnachts ist dann kaum noch ein durchkommen. Außerdem ist es ein Shopping-Paradies für Männer: im Umkreis von nur drei Blocks gibt es nebst vier _DSC0150Outdoor-Läden noch ein TNF-Outlet – da heißt es: Geldbeutel festhalten. Quito ist wahrscheinlich der einzige Ort am Äquator an dem man eine adäquate Auswahl an Daunenjacken hat ;-). Ruckzuck verfliegt auch hier eine Woche mit Schlendern und Essengehen (Inder, Chinese, Thai und Araber, alles da!). Die UNESCO-geschütze Altstadt lässt mich recht kühl, zu ähnlich anderen Kolonialstädten, und für die außergewöhnlichen Bauten, wie zB die innen komplett goldene Kirche, wird kräftig Eintritt erhoben. Naja, irgendwie muss das Gold ja auch bezahlt werden. Ein Bauwerk gönnen wir uns jedoch, die Basilica del Voto Nacional.
_DSC0058Die größte neo-gotische Kirche der Amerikas thront auf einem Hügel neben der Altstadt und auf den ersten Blick drängt sich der Vergleich mit Chatres quasi auf. Nein, viel besser, hat man’s hier immerhin geschafft doch wenigstens symmetrisch zu bauen (verkehrt ausgerichtet ist das Kirchenschiff indes trotzdem). Die Fassade zeigt sich beim Näher kommen jedoch vergleichsweise einfach, ein zweites Reims ist hier nicht zu erwarten, aber immerhin sind die Portale frei vom sonst überbordendem neo-gotischem Kitsch. Der Innenraum ist sogar sehr schlicht gehalten und das äußere Strebwerk weithin sichtbar aus Gussbeton.
_DSC0083Denn nicht die Gesamt-Architektur an sich macht diese Kirche besucheswert, auch wenn einige witzige Details vorhanden sind. Pfeilerabschlüsse und Wasserspeier sind hier nicht mit den üblichen Tier- Teufel- und Dämonen-Darstellungen versehen, hier schmücken einheimische Lebewesen. Blautölpel, Kormorane, Schildkröten und Echsen findet man hier fast zahlreicher als auf Galapagos.

Der Hauptgrund für meinen Besuch ist aber mehr die lockere Art wie hier mit der sakralen Bausubstanz umgegangen wird. Im Keller befinden sich Läden und in einem der Türme sogar eine Gaststätte und fast alle Bereiche des Gotteshauses stehen dem Besucher vollkommen offen. Nicht nur die Uhrentürme mit dem (erstaunlich kleinen) _DSC0080still stehendem Uhrwerk kann man ersteigen, über einen Holzsteg kommt man zum Dachstuhl und kann sogar die Oberseite des Dachgewölbes bis hin zur Vierung überqueren. Wer sich noch Weiter traut kann über Leitern und einen schmalen steilen Außenstieg selbst den Vierungsturm erklimmen, außergewöhnliche Ausblicke garantiert! So lange und so gepackt war ich schon ewig nicht mehr in, um und auf einer Kirche.

 

Bilder aus Ecuadors Hauptstadt findet ihr unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/ecuador-2/

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Ein Kommentar zu “Casa Richling

  1. Henry sagt:

    Sehr schön, hab schon sehnsüchtig auf den Metallicabeitrag gewartet. Hier jetzt allerdings zu verschweigen, dass sich sogar Andreas Kisser eingelassen hat, als Vorband mit „De La Tierra“ aufzutreten, dass gehört sich nicht!

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