Wahlfahrt

Hinterlasse einen Kommentar

2014/04/06 von Jörn

Der Balkonbraumeister aus Buga

Ich kann mich nicht erinnern wann ich das letzte Mal die Hose meiner Motorradkombi anhatte (wahrscheinlich irgendwo im Mexikanischen Hochland), doch hier muss ich nun auch noch die dicken Socken aus ihrer Versenkung holen *brrrrr*. Wir drehen noch eine Runde über kleine Nebenstrecken durch die Kaffeezone, dann schwenken wir endgültig südwärts auf Cali, der Salsa-Hauptstadt Kolumbiens, zu.

Die letzten 100 Kilometer vor Cali (und auch die nächsten 100 dahinter) verlaufen

Holy Balcony

Holy Balcony

langweilig und eben über die PanAm, die hier mehrspurig ausgebaut ist. Um die monotone Gondelei etwas aufzulockern steuern wir als Mittagsrast das „Holy Water Ale“ an, eine Mikrobrauerei in Buga, etwa eine Fahrstunde vorm Stadtrand von Cali. Böser Fehler! Stefan, der Braumeister, vollführt auf seinem Balkon schon Veitstänze als wir im Einbahnstrassengewirr das zweite Mal suchend vorbeifahren; aber wer erwartet schon eine Brauerei hoch oben im zweiten OG???

Was ein geiler Laden (http://bugahostel.com/?page_id=11) und sein Besitzer ist auch ne echte Granate. Vor drei Jahren erst hat er mit dem Holy Water begonnen und kann sich nun kaum noch vor Aufträgen retten. Aber beim Blick in den Kühlschrank wir auch schnell klar warum: vom guten deutschen Weizenbier bis zum exotischen Ginger-Honey werden sechs verschieden flüssige Juwelen gereicht – und dies ausschließlich in „handlichen“ Ein-Liter-Gebinden. Für uns Biker gibt es zum Glück Pröbchen aus Schnapsgläsern, aber als wir uns nach zwei Stunden endlich von Stephans großartigem Balkon und seinen großartigen Geschichten losreisen können sind wir trotzdem schon fast nicht mehr fahrtüchtig. Wir schnallen schnell noch zwei Pullen auf unser Gepäck und starten die Motoren bevor wir gänzlich hier hängen bleiben. Zweiter Fehler. In unserer

Funktioniert :-)

Funktioniert 🙂

Unterkunft in Cali angekommen, dem Casa Blanca, einem bekannten Bikertreff, zeigt diese sich gähnend leer. Ich hatte hier auf Infos aus erster Hand gehofft, und darauf eine paar Zweirad-Reisende zu treffen, aber Chef Mike ist mit einer Reisegruppe auf Tour, keine Biker, keine Infos L. Also öffnen wir sogleich unsere zwei Mitbringsel aus Buga …. Und schon ist der Freitagabend in der Party-Metropole für uns schneller gehalten als gedacht.

 

Cali und Cauca

Wie wir aber am nächsten Morgen zur allgemeinen Überraschung erfahren mussten finden am folgenden Tag Kongresswahlen statt, und dies bedeutet ein absolutes Alkoholverbot, beginnend am heutigen Samstagnachmittag. Das ist nicht wirklich tragisch, hängt das Ginger-Honey doch noch etwas nach, aber auf Grund dieser politisch verordneten Trockenzeit bleiben am Wochenende alle Bars/Restaurants und Tanzschuppen geschlossen, und auch auf den Plazas wird nicht getanzt. Wir sind mitten in der Kapitale der fliegenden Füße und des gewagten Hüftschwungs und tatsächlich sind überall die Rollläden herabgelassen, die Strassen menschenleer?!? Ein echter Volltreffer. Nun ärgere ich mich endgültig dass wir nicht gleich in Buga auf Stefans Balkon geblieben sind.

 

Doch ein Gutes hat die anstehende Wahl für uns, ist am Sonntag doch mit einer kräftig erhöhten Polizeipräsenz auf den Straßen zu rechnen. Vorteil? Ja, denn hinter Cali fällt das Gelände steil zum Pazifik hin ab und dieser Küsten-Streifen dichten Regenwalds gilt immer noch als Drogenumschlagsplatz und FARC-Gebiet. Die meist schwarze

Wahlwache

Wahlwache

Bevölkerung um Buenaventura wird ziemlich kurz gehalten, die Infrastruktur der Region hält sich sehr in Grenzen. Sofort drängt sich der Gedanke auf, ob hier Nichts investiert wird weil es FARC- Gebiet ist oder ob dies ein FARC-Gebiet ist weil hier nichts investiert wird… Aber dank der Wahl und der Freunde in Tarnfleck kann man sich heute ausnahmsweise hierher trauen, und das zahlt sich durchaus aus.

Im dichten Busch befinden sich mehrere Siedlungen die keine Anbindung ans Straßennetz besitzen, sich allerdings entlang einer stillgelegten Bahnlinie aufreihen. Mangels offiziellem Zugverkehr wird hier ganz simpel zur ÖPNV-Selbsthilfe gegriffen. Statt Schienen-Bussen verkehren hier Schienen-Moppeds und staunend werden wir Zeuge wie einfach sich dieses Vehikel anschließend auch wieder wenden und in die

Zugführer, Schaffner und

Zugführer, Schaffner und

trockene Garage bugsieren läst. Wir sind die einzigen Bleichgesichter weit&breit, die Kinder spielen „wer hat angst vorm weißen man“ und es kommt echtes Afrika-Feeling auf. Zwar werden wir unablässig kritisch beäugt, aber schlussendlich gibt es doch noch den ein oder andern „Daumen hoch“ wie wir es inzwischen aus ganz Kolumbien gewohnt sind.

Eine ganz andere Art von Motorrad-Bahn versüßt uns anschließend den Rückweg in die Zivilisation. Verallgemeinert verlaufen in Kolumbien die großen Täler grob in Nord-Süd-Richtung, d.h. sobald man sich zum Beispiel von Ost nach West bewegt muss dazu unvermeidbar ein Höhenzug überwunden werden. In jedem Land gibt es einige Strecken die fahrerisch und/oder landschaftlich besonders reizvoll sind (ich glaube ich erstelle bei Gelegenheit mal eine Übersicht), dies gilt allerdings nicht für Kolumbien. Hier ist das Fahren schlicht überall eine reine Freude, Ü-BER-ALL! Die Hauptverbindung von Buenaventura nach Cali verläuft eigentlich über die Schnellstrasse nach Buga, wir dagegen entscheiden uns jedoch lieber für die „alte“ Strasse, die in Wirklichkeit jedoch krachneu renoviert ist. Frischer Asphalt, breit ausgerollt, dellenfrei wie ein Babyhintern, mit perfekten Radien und gänzlich ohne Autoverkehr. Die wenigen 10PS-Kleinstkrafträder die sich hier die Kordillere hinaufquälen nehmen wir gar nicht wahr. Dank mehrfacher Mehrleistung schießen wir sprichwörtlich eine Stunde lang bergauf, zwei F-16 im Formationsflug. Das rhythmische Schwingen ist wie Hypnose, Man und Maschine werden Eins. Das ist die Krönung im eh schon sehr fahrspaßigem Kolumbien (und zum ersten Mal vermisse ich ein bisschen meine Aprilia unterm Hintern 😉 ). Wir überlegen sogar ernsthaft ob wir morgen noch einmal hierher zurück kommen sollten, diesmal ohne die störenden Koffer am Heck 😉 .

Gerade als wir wieder aufgepackt haben und nach Südenweiterreisen wollen kehrt Mike mit seiner Motorradtour zurück. Alle sind dreckig aber glücklich und wir bekommen so doch noch eine paar Tourentipps mit auf den Weg. Auf dem ersten Stück PanAm hinter Cali bieten allein die Zuckerrohr-Transporter ein wenig Abwechselung, oder habt ihr schon mal auf der Autobahn an einem Güterzug überholt? Die Latino-Antwort auf

Kolumbianische Roadtrains

Kolumbianische Roadtrains

australische Roadtrains nennt sich hier tatsächlich Zuckerrohrzug und besteht aus einem Sattelschlepper mit nicht weniger als fünf Anhängern, die, mit riesigen Niederdruck-Schlappen bereift, lustig auf der Fahrbahn tanzen. Doch sobald die Landschaft wieder mehr hergibt fängt es wieder an zu Regnen. Wir sind in den letzten zwei Wochen wirklich jeden Tag nass geworden, nun hat niemand Lust auf eine Schlammschlacht in den Bergen. Wir warten in Popayan auf ein bisschen Sonne, aber diese will sich nicht einstellen und so wird der Ausflug zu den Grabanlagen von Tierradentro ersatzlos gestrichen. Überhaupt ist Popayan die erste Stadt in Kolumbien die enttäuscht. Einige Autoren diverser Reiseführer handeln das Städtchen als Geheimtipp und wundern sich warum hier nicht schon lange ein Touristenmagnet

Popayan, die weiße Stadt. Geheimtipp ?!?

Popayan, die weiße Stadt. Geheimtipp ?!?

entstanden ist, ich allerdings wunder mich überhaupt nicht. Vielleicht besitzt besagter Autor ja ein Grundstück in Popayan und möchte die möglichst teuer veräußern, ich finde hier nur eine typische Kolonialstadt mit Verkehrschaos und kaputten Strassen, deren einziges Highlight eine alte elf­bögi­ge St­ein­brü­cke von 1873 sein soll. Aber dies macht den Abschied vom sonst wirklich begeisternden Kolumbien ein bisschen einfacher. Ein letzter Höhepunkt –tief unten in einem Tal- bleibt uns allerdings noch, doch davon mehr im nächsten Bericht.

 

Bilder Cali und Cauca findet ihr unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/kolumbien-equador/

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kalender

April 2014
M D M D F S S
« Mrz   Mai »
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
282930  

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: