Schwimmer in der Wüste

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2014/03/28 von Jörn

„Mirta hatte die Wüste an eine Wand unserer Wohnung in Hamburg – Eimsbüttel gemalt. Obwohl sie noch nie in einer Wüste war, hat sie es gut getroffen. Und Habib hat Recht. Das ist ziemlich Marokko, ziemlich M`Hamid. Aber es könnte auch der Sinai sein. Oder ein Sandkasten auf dem Spielplatz unserer Träume.“ Helge Timmerberg auf Facebook

Die Hosentaschenwüste

Die Hosentaschenwüste

Helge hat Recht (wie so oft): je leerer der Landstrich desto mehr Platz für die Projektionen unserer Sehnsüchte. Auch in Kolumbien gibt es eine Wüste, keine Sahara, noch nicht mal eine Namib, die 330qkm der Tatacoa reichen noch nicht mal zum Vollerwebs-Ödland, eher eine Hobbywüste. Weniger als 20×20 Km, keine Endlosigkeit, keine Einsamkeit. Man kann den Rand sehen. Ebenso fehlt die glasklare Luft und damit die Tiefenschärfe die die Trockengebiete sonst auszeichnet. Eigentlich siehts nicht mal aus wie ne Wüste, eher wie Namibias Norden, so als wenn es am Caprivi-Zipfel Berge geben würde. Aber das macht alles nichts: die Tatacoa ist groß genug für Stille und dafür, das bereits ein Blick aus dem Fenster unsere Cabana mich in eine andere Welt versetzt…. und nach nur zwei Tagen kehrt tiefer Frieden ein.

Die Anfahrt bot freilich ausreichend Spannung. Wir haben keine genauen Papierkarten der Gegend um Villaviajo (dem Einstieg in die Tatacoa), Google Earth ist in Kolumbien extrem ungenau (probierts aus!) und die Peilungen auf unseren beiden GPS ergeben eine Differenz von 80 Kilometern. Als dann mindestens eine halbe Stunde zu früh am Straßenrand ein kleines Schild auftaucht, an dem aber eindeutig „Tatacoa“ zu entziffern ist, ist die Konfusion perfekt. Aber dies ist der erste konkrete Hinweis, also folgen wir dem Feldwegelchen eine Zeit lang obwohl dieses immer schmaler wird. Zweifelnd fragen wir einen Gaucho auf seiner Pferdekoppel. Er bestätigt die Richtung (nur 40 Minuten!) und gibt uns auch seine positive Einschätzung bezüglich der „barca“ bekannt.

Rio Magdalena

Rio Magdalena

Häh? Was faselt der von einem Boot? In der Wüste? Und wirklich wird am GPS in kurzer Entfernung ein Fluss angezeigt, so nah das sich ein schneller Kontrollblick durchaus lohnt.
Ein Ponton liegt auf dem Ufer am Trockenen, aber einige Passanten winken uns bis zum Flussrand vor, augenscheinlich besteht nämlich immer noch ein Fährbetrieb mittels eines kleinen Personenbootes. Wir sind kritisch, für die leichten 125er der Einheimischen wenig problematisch, aber wie sollen wir die schweren BMWs vom flachen Ufer hinein ins Boot befördern? Aber als die Barca sich nähert sind wir erstaunt, thront doch oben auf dem Bug eindeutig die Zyklopenmaske einer großen GS. Mit großem Hallo begrüßen wir einen Pulk BMW-Fahrer auf dem Weg vom Wocheendausflug zurück nach Bogota. Viel Zeit bleibt uns nicht zum schnacken, Fährmann nebst Gehilfin arbeiten so schnell und griffsicher das die ganze Truppe in ein paar Minuten übergesetzt ist. Diese Professionalität beruhigt und die Biker erklären uns dazu welcher Abzweig der sandigen

... no problema.

… no problema.

Piste tatsächlich ins Wüstenstadtchen führt. Muy bien, auch wenn das Bötchen mit den zwei G650 schon erschreckend tief im Hochwasser führenden Rio Magdalena liegt. Ein bisschen durchs Schilf, eine wackeligen Holzsteg entlang, aus der sumpfigen Aue über nur einen Bergrücken und plötzlich ist man in der Wüste. Eine halbe Stunde Schotterpiste noch und wir befinden uns im Sterngucker-Zentrum Kolumbiens.
Doch leider ist heute recht bewölkt und im Observatorium wird fairerweise vor der Führung auf die nur 30% sichtbarer Himmel hingewiesen, nur Orion schwingt erkennbar seine Gürtel. Das ist uns ein bisschen wenig, wir pokern und verschieben die Planetenschau auf morgen- das Wetter kann nur besser werden, schließlich sind wir in der Wüste!

On a dark desert highway...

On a dark desert highway…

Der nächste Tag beginnt diesig, aber diese ist hier ja nur von Vorteil. Heißt: weniger Hitze und weniger Sonnenbrand bei der Wüstentour. Außerdem hatten wir schon gestern niemanden mit Helm fahren sehen (außer der Polizei ;-)) … und so tun wirs den Locals gleich – natürlich nur um nicht unangenehm aufzufallen ;-). On a dark desert higway, cool wind in my hair. Das was die Eagles besingen ist für uns heute realität; fühlbare Kopffreiheit. 🙂

Kein Scherz, Schwimmen in der Wüste

Kein Scherz, Schwimmen in der Wüste

Ein Schild am Pistenrand erscheint mir zuerst einer Hitzephantasie entsprungen, wirbt es doch für einen Pool, mitten in der Einöde. Aber dieses Trugbild ist real, am Grund einer Schlucht finden wir tatsächlich ein Wasserbecken, auch an einer kleinen Kaskade mangelt es nicht, umgeben von erodierten Sandsteinformationen. Die Anlage liegt verlassen vor uns, ist aber unverschlossen und offensichtlich nur heute nicht in Betrieb. Nichtsdestoweniger aber ein ziemlich schräger Ort; Schwimmen, mitten in der Wüste. Leider zieht abends aber der Himmel zu, Sichtbarkeit heute ganze null Prozent. Das Sterngucken fällt aus und nachts fängt es noch kräftig und anhaltend an zu schütten. Hier ist jedenfalls die mit Abstand feuchteste Wüste die ich kenne! Die Pisten verwandeln sich in schlüpfrigen Morast und desillusioniert beschließen wir daher den Abbruch des Steppenabstechers in die feuchteste Wüste der Welt und fahren den weiteren, aber garantiert passierbaren Umweg über Neiva wieder nach Norden in Richtung des Kaffee-Dreiecks.

 

Kaffee und Krachbier
Wir haben Glück und erreichen Salento trocken, aber schon als wir die Taschen auspacken fängt es auch hier an zu regnen. Einem aufmerksameren Beobachter wären bereits an der Rezeption die Gestelle voller Gummistiefel aufgefallen, aber wir waren vor zwei Wochen ja noch an tropischen Stränden und so uns bleibt dieses subtile Zeichen leider verborgen….

Hätten wirs nur gleich gesehen!

Hätten wirs nur gleich gesehen!

Salento ist ein angenehmes Städtchen, manchem schon zu wenig „authentisch“, aber IMHO gelingt hier eine schöne Grätsche zwischen einer (ja durchaus bequemen) touristischen Infrastruktur UND unverfälschtem Dorfleben. Ja, es gibt beschilderte Wanderwege und eine Strasse mit Nippes-Geschäften, aber in der Eckkneipe gibt es weiterhin keine Speisekarte (nicht mal auf Spanisch), man wird lediglich gefragt ob „Fleisch oder Huhn“ gewünscht wird. Hier kehren noch Gauchos mit Hut und Stiefeln ein um sich einen schnellen Schoppen oder eine Runde Billard oder Rommee zu gönnen, hier verkehren Männer die den ganzen Tag mit eigener Muskelkraft Kaffee-Säcke oder Kühe herumgehoben haben. Die Damen sitzen indes bereits an der Theke, kippen einen Kurzen nach dem anderen (meist Aquagradiente, die südamerikanische Antwort auf Ouzo) und singen lauthals zu Herzschmerz-Schnulzen. Wenn das nicht authentisch genug ist!?

... die Schweiz!

… die Schweiz!

Der kolumbianische Kaffee wächst vorzugsweise dort wo es anhaltend feucht ist, und so bleiben die Gipfel der umliegenden Berge auch weiterhin in Wolken verborgen, genau wie die wohl bilderbuchhaft schöne Landschaft. Ein Ausflug ins sagenhafte Cocora-Tal endet für den Zweiradler an einer schmalen Holzbrücke (die Furt erscheint mir nach dem ausgiebigen Regenfällen jedenfalls „zu“ spannend, kann jedoch durchaus als Erfolg gewertet werden, immerhin sind an dieser Stelle schon die außerirdischen Wachs-Palmen sichtbar die diesen National-Park so besonders machen (und kennt ihr einen NP denn man einfach so mit dem Motorrad befahren darf??). Apropos Fahren: der Nahverkehr in

... in neuem Glanz

… in neuem Glanz

die umliegenden Dörfer wird in der Kaffeezone traditionsgemäß noch mit Willys-Jeeps erledigt. Die Älteren fahren noch mit dem klassischen eckigem Nachkriegs-Modell, bei den jüngeren hat sich inzwischen eine „rundere“ Version mit langem Radstand und Dieselmotor durchgesetzt, die ich so vorher noch nie gesehen habe. Eines haben aber all die omnipräsenten Willys gemeinsam: grellbunte Lackierung und kräftige Sound-Anlagen geben dem Plaza in Salento rollende Farb- und Ton-Tupfer.

Aber auch sonst hats der Kaffeebauer gerne knallig. Auf der Strasse spricht uns Alfredo an, ob wir heute Abend schon etwas vorhätten. Haben wir nicht (hab ich schon erwähnt dass es regnet?) und so verspricht er uns ein einheimisches Sport-Event, bei dem Bier eine zwingende Rolle spielt. Das klingt doch gut, oder? Das Ziel beim Tejo besteht darin, ein zwei Kilogramm schweres Eisen-Ufo aus 20 Metern (!) Entfernung möglicht nahe an oder in der Trefferfläche zu platzieren. Diese besteht zuerst aus einer geneigten, 1x1m großen, mit feuchtem Lehm gefüllten Kiste, in der die Spiel-Ufos dann stecken bleiben (so muss das Tejo geworfen werden, Kegeln scheidet aus!). Bis hierher noch recht jugendfrei. Im Zentrum der Kiste befindet sich jedoch, quasi als Bullseye, ein Metallring, und dieser wird flankiert von vier mit Schießpulver gefüllten Papierkegeln. Der Stein der

Zielgebiet mit Zündhütchen

Zielgebiet mit Zündhütchen

dem Ring am nächsten (oder im Ring) zu liegen kommt hat gewonnen, wird jedoch der Ring getroffen – und damit RUMMS die Sprengladung ausgelöst – wir die aktuelle Runde augenblicklich beendet und es muss umgehend mit dem Biertrinken begonnen werden. Unsere Versuche aus der offiziellen Wurfentfernung enden manchmal auf der Nachbarbahn und einmal sogar auf dem Dach, doch damit die ungeschickten Touristen auch mal richtig zum Rumsen kommen dürfen wir freundlicherweise aus kürzerer Distanz werfen… von der 5 Meter-Kindermarke 😉 . Spektakulärer kann eine Entschuldigung Bier trinken zu „müssen“ aber nicht ausfallen, und so erfreut sich dieser Sport, nicht nur bei Touristen, einer anhaltenden Beliebtheit.

 

Bilder aus der Tatacoa und vom ohrenbetäubenden Lokalsport findet ihr unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/kolumbien-equador/

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