Die düstere Stadt

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2014/03/19 von Jörn

Viel zu früh verlassen wir Medellin mit seinem ganz besonderen Reizen. Keine verträumte Kolonialfassaden, keine pittoresken Gassen, aber die eigentümliche Hanglage, das viele Grün, die allgegenwärtige Kunst und angenehme „öffentliche“ Räume.  Die Stadt hat ihre Vergangenheit abgeschüttelt und ins Gegenteil verkehrt. Dort wo man vor 15 Jahren sich nachts nicht auf die Straße trauen konnte werden abends Gassen gesperrt zu Fußgängerzonen und das Leben pullst, ehemalige Wohnsiedlungen werden zu

Die "Skyline" von Medellin, wirklich einmalig

Die „Skyline“ von Medellin, wirklich einmalig

Kneipenmeilen, wobei die Prunkbauten aus der Escobar-Ära noch als Sahnehäubchen für die Extravakanten dienen. Die allgemeine Meinung zu Escobars Eskapaden ist eindeutig (so schlug er zB einst vor die kompletten Staatsschulden Kolumbiens ausgleichen um einer Verurteilung zu entgehen! sic), aber man hat nun gelernt sich mit der düsteren Historie zu arrangieren; und das sehr gut. Tschau Medellin, ich komm bestimmt mal wieder!

... der Ayers-Rock von Medellin ;-)

… der Ayers-Rock von Medellin 😉

Schon der Abstecher zu Medellins Ausflugsziel No1, El Penol (der Fels) macht Freude, die weitere Fahrt bis Bogota steht nicht nach. Fahrfreude pur. Hat man später dann die Staus der Vororte hinter sich gelassen (dort ist das Chaos tatsächlich

größer als in den Stadtkernen selbst, wo offensichtlich Verkehrskonzepte erfolgreich umgesetzt wurden), die am schnellsten wachsende Metropole Südamerikas zur Gänze durchquert und endlich die Unterkunft erreicht, zeigt sich die 15 Millionen- Großstadt

Vom Hausberg von Bogota

Vom Hausberg von Bogota

zuerst nicht gerade von der Schokoladenseite. Der Himmel ist genauso grau wie die ganze Stadt und es fängt heftig an zu regnen Doch es ist Samstagabend, und kaum sind wir gelandet finden wir uns schon in einem Taxi wieder, das uns zum vereinbarten Treffpunkt mit Daniel, irgendwo hinaus in die unendlich Außenbezirke, bringt. Die Bar in der wir landen bietet Live-Musik und nennt sich sehr viel versprechend „Ozzy“, doch die Band auf der Bühne spielt eher zahnlosen AOR. Auch als wenig später der Hauptact das Podium entert erwarte ich nicht allzu viel, sieht der Haufen doch höchstens aus wie „Haudegen spielt einen Abend voller Motörhead“. Doch manchmal lässt man sich ja gerne eines Besseren belehren. Das Quartett (nur eine Gitarre!) spielt virtuos jazziges bis chaotisches Zeugs der letzten 30 Jahre, von Police, tiefergelegten Pink Floyd bis hin zu den aktuellen Gassenhauern von System Of A Down. Spätestens jetzt geht der ganze Saal steil und das kollektiv gebrüllte „Where the fuck are you?“ wird nur noch getopt als der folgende Rausschmeißer-Song seinen einzigartigen Höhepunkt erreicht…. die spielen tatsächlich Queens Bohemian Rhapsody – zu viert, irre, einfach irre!! Gelungener kann ein Auftakt in einer neuen Stadt garnicht sein und Bogota enttäuscht uns auch auf längere Distanz keineswegs. Eine Woche fliegt pfeilschnell vorbei.

Aber wir haben ja auch zwei Joker auf der Hand und natürlich erfährt man einen Ort ganz anders wenn Ortsansässige einem beim Händchen nehmen.

Daniel und Gäste

Daniel und Gäste

Wir verbringen möglichst viel Zeit mit Sophie und auch von Daniel erhalten wir noch eine weitere Einladung mit Familienanschluss (Oma kocht!), wir sind immer wieder verblüfft über die Heiterkeit und Herzlichkeit der Kolumbianer, selbst zu wildfremden. Bogota ist eine wahrlich exzentrische Stadt, zumindest die einzige Millionen-Stadt die ich kenne deren Zentrum eben nicht zentral, sondern sich (salopp ausgedrückt) rechts außen am Rand befindet. In Candelaria findet sich nicht nur der historische Grundstein, sondern auch

..Glanzstücke, alle...

..Glanzstücke, alle…

alle Museen, öffentlichen Gebäude, eine Fußgängerzone (die Cra 7 ist nun für Fahrzeuge gesperrt), Sophies Hostel (http://www.hostalbogota.co) und die Universität – und daher eine Menge guter günstiger Lokale und netter Kellerkneipen – und Sonntags ist nebenan Oltimer-Automarkt. Und manchmal schiebt sich durch das Verkehrschaos der Betonschluchten, voll Men­schen, voll Mo­peds tatsächlich noch ein von Eseln gezogener Fruchtstand. Eine

kleinste Altstadtgassen.

kleinste Altstadtgassen.

vibrierende seltsame Stadt, auch wenn man sich durch die düstere Architektur und den Dauerregen in einer Kulisse des Blade-Runners wähnt, der marode Charme passt gut zum nur matten Glanz, wir verbringen eine vergnügliche Zeit, ich fühl mich ausgesprochen wohl.

Bei Regen sollt man allerdings aufpassen und nicht übermütig durch die Pfützen springen, da sich drunter so mancher offne Schacht verstecken kann, allerdings ist dies mit Abstand die größte Gefahr auf den Hauptstadtstrassen.

Busspur ins Zentrum

Busspur ins Zentrum

Alles andere funktioniert ausgesprochen gut in Bogota (und nicht nur hier), selbst ÖPNV- (mit dem sagenhaften Transmilenio) und Taxifahrten machen Spaß (billig und IMMER korrekt!). Mein Carepacket aus Deutschland mit der Anden-Ausrüstung und dem lang ersehnten neuen Objektiv ist nach nur zwei Wochen Laufzeit eingetroffen. Ich würde euch an dieser Stelle ja gerne eine unterhaltsame und dramatische Darstellung der Postzustellung in Kolumbien geben, aber auch hier kein Grund zur Klage. Der Transmilenio bringt mich ohne Umstiegen in nur 20 Minuten (eigene Busspur) quer durch die City zum Zollpostamt und nur zehn Minuten, drei Unterschriften und einem Dollar (nur 1 US$!) Zollgebühr später halte ich die Sendung in den Händen – so elegant kann ein Behördengang sein (ok, die Zolldeklaration war aber auch perfekt 😉 ausgefüllt, :-* für die Miez).

und Kirchen, unten...

und Kirchen, unten…

Nach dem zweiten Wochenende in der verregneten Großstadt ist auch der Bedarf an Kultur vorerst gedeckt, doch nur 250 Kilometer südlich vom Districto Capital besitzt Kolumbien tatsächlich eine kleine Wüste. Dies verspricht einen schönen Gegenpol, doch für diese heißen Geschichten müsst ihr warten bis zum nächsten Artikel…

Bilder aus Bogota findet ihr unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/kolumbien-equador/

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