Stoppschilder und Moppedmaut

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2014/03/12 von Jörn

Drei Wochen lang sind wir nun schon in Cartagena. Die Zeit war zwar meist dominiert von Werkeln und Besorgungen, aber nach ca fünf Monaten kontinuierlichem Reisen ist es auch Balsam für die Seele ein bisschen stationär zu sein und nicht alle drei/vier Tage einen neuen Kiez erkunden zu müssen. Doch langsam dringt das Fieber wieder durch. Nachdem wir die letzen Tage auch genutzt haben uns mit Informationen zum weiteren Reiseverlauf einzudecken spüre ich nun -bis hierher- deutlich den magischen Sog der Anden.

Wir montieren unser neuen Fake-Kennzeichen und packen die Taschen (was sich jetztSONY DSCirgendwie ungewohnt anfühlt). Die halbe Mannschaft unseres Hotels, die mit uns immer zwei Gänge langsamer gesprochen haben damit überhaupt die Chance einer Verständigung besteht ;-), kommt zum Verabschieden mit nach draußen (die sind echt knuffig). Doch nicht nur ihnen fällt wohl der Abschied schwer, auch Stephans Bike hat die Ruhezeit nicht gut getan. Schon wieder müssen wir Fremdstarten, und nicht nur einmal. Da gibt es wohl ein kleines Problem mit der Batterie, spätestens übermorgen in Medellin aber sollte BMW dies ja eigentlich richten können.

Es wird gebaut in Cartgena, und zwar nicht nur an allen Ecken und Enden an Häusern renoviert was das Zeug hält, auch der ÖPNV wird kräftig aufgewertet. Es entstehen eigene Busspuren auf jeder wichtigen Ausfallstraße, selbige sind daher über Kilometer hinweg chaotische Baustellen. Sattelschlepper, Busse, Unmengen Taxis pressen sich durch die Engstellen, dazwischen quetschen vollbeladene 125er durch jede Lücke, quer zur und auch entgegen der Fahrtrichtung. Wir sind zu breit für solche Manöver und stecken im Gewühl fest, BMWs und Fahrer am oder knapp über dem Siedepunkt. Wir quälen uns bei brütender Schwüle eine Stunde lang durch den Verkehr. Bei 38°C in den Fahrklamotten hinter einem Bus zu stehen, das ist wie im Skianzug in der Sauna zu sitzen, in der ein alter Golf II Turbodiesel ohne Auspuff auf Vollgas  läuft….

Doch irgendwann ist die Stadt hinter uns, der Fahrwind kühlt den Kopf und heizt den Geist. Endlich wieder fahren! Das kolumbianische Fernstraßennetz befindet sich in fantastisch gutem Zustand, unaufhörlich wird deshalb gebaut und repariert. Doch hier, außerhalb der engen Stadt in freier Wildnis, kommen uns die ständigen einspurigen SONY DSCBaustellen sehr gelegen, fragmentieren sie doch den Gegenverkehr und stauchen ihn in kompakte Blöcke, dazwischen immer minutenlang freie Bahn! Doch auch ein Stoppschild auf unserer Straßenseite (und es gibt viele davon) macht uns froh, werden doch am Anfang der Warteschlange tatsächlich die ersten Meter vor der Engstelle explizit für Motorräder frei gehalten. Wenn das grüne Licht dann kommt starten wir somit immer von der Pole Position. Dafür Dauen hoch von meiner Seite.

Befremdend sind zuerst jedoch die viele Militärkontrollen, die, oft mit gepanzertem Fahrzeug, allen wichtigen Kreuzungen blockieren. Doch jedes Mal beim Passieren, passiert die gleiche wundersame Verwandlung. Tarnanzüge, Maschinengewehr über der Schulter, eine Helm über den grimmigen Gesichtern. Wir rollen näher, eine Hand zuckt nach vorne, man winkt uns durch. Plötzlich setzt Mimik ein und aus dem verdrießlichen Soldat wird freundlicher Zeitgenosse, mit dem fetten Grinsen eines Zehnjährigen im Gesicht. Dann geht der Daumen hoch, diesmal auf der anderen Seite. So begrüßt uns Südamerika?! Die ersten Meter auf südamerikanischen Strassen sind wie ein Finger in der Steckdose.

Die erste Nacht verläuft ebenfalls sehr angenehm. Während der Hotelsuche spricht uns jemand an, dem unsere Moppeds morgens schon in Cartagena aufgefallen waren. Wir steigen im selben Hotel ab und verbringen eine Nacht voller Bier und Geschichten, denn Stephan Minea ist auch auf dem Weg nach SONY DSCMedellin, jedoch mit einer Mission. Er versucht ein jährlich stattfindende Wohltätigkeits-Rallye von New York nach Ushuaia ins Leben zu rufen (https://shipwreckrally.com/) und erkundet gerade die Strecke. Ein kauziger Vogel; und auch wenn mir das Konzept etwas zu gewagt erscheint, die Welt könnte viel mehr solcher Verrückter gebrauchen. Egal ob seine Kalkulation aufgeht oder nicht, sein Claim ist jedenfalls schon mal große Klasse: „Vroom, Vroom, Ahoi“! Das spricht mir aus dem Herzen, sind wir doch endlich auch wieder auf großer Fahrt.

Medellin, die Stadt des ewigen Frühlings und unser Tagesziel, liegt auf 1700 Metern und je näher wir kommen desto gebirgiger wird das Land. Gebirgiger und feuchter. Nieselregen und Nebel empfangen uns, aber wie zur Wiedergutmachung werden die Strassen nun breiter. Die beachtlich guten Fernstraßen sind allerdings generell SONY DSCgebührenpflichtig und von Zeit zu Zeit steht folglich ein Mauthäuschen mittig auf der Fahrbahn. Doch, man wagt es kaum zu glauben, einen Motorradtarif sucht das geschulte Auge vergeblich! In praxi führt am rechten Fahrbahnrand immer eine kleine Schikane an der Gebühreneinzugszentrale vorbei welche, und dies ganz offiziell, von Zweirädern benutzt werden darf um die Mautstelle zu umfahren! Behördlich verordnete Bikerfreundlichkeit- Kolumbien damit in der Sympathiewertung von 0 auf 100!!

In diesem Tenor geht’s weiter. Claudia, unsere Hostel-Besitzerin, ist selbst vor Jahren mir ihrer 125er um Südamerika gereist, und so ist es nur selbstverständlich das sie sich P1030332schnell Helm und Jacke überwirft und sich auf Stefans Sozuisplatz schwingt um uns den Weg zur BMW-Werkstatt höchstpersönlich zu zeigen. Dort allerdings will man von einem Batterie-Tausch auf Garantiebasis nichts wissen. Zu schlecht stehen die Chancen einer Regresszahlung durchs Münchner Mutterhaus und man wedelt mit einem Pamphlet das einen Batterie-Check alle 2000 KM vorschreibt?!? Unglaube macht sich breit, ist die Spannungsquelle (Werksaustattung der billigsten Sorte) doch arg tief eingebaut und eine Sichtkontrolle nach Lösen von 14 Schrauben, Abklemmen und kompletten Ausbau überhaupt erst möglich…

IMG_0793Aber die Welt bietet zuvorkommenderweise auch Menschen die uns ganz unbürokratisch Gutes tun. Seit drei Jahren schon drohe ich Mauricio, einen Mitarbeiter aus meiner ehemaligen Firma, mit einem Besuch. Und tatsächlich ist er alles andere als überrascht als ich ihm tatsächlich unsere Anfahrt auf Medellin ankündige. Er empfängt uns wie alte Freunde und bewirtet uns wie wichtige Geschäftspartner. Zwei Tage lang chauffiert er uns im Auto durch seine Stadt, wir erkunden Medellin per Metro und Seilbahn, keine Szenekneipe wird ausgelassen und erst als wir morgens um 3Uhr um Gnade betteln wir der Heimweg angetreten. Mauricio hat sich extra zwei Tage frei genommen um uns zu bespaßen, selbst eine Führung durch die Technische P1030336Hochschule (einer seiner Freunde ist dort Dozent) wird spontan organisiert. Wir können ihn gerade noch davon abhalten uns schon morgens zu BMW zu fahren, obwohl er dafür 2x quer durch die Innenstadt müsste… soviel Gastfreundschaft macht uns sprachlos und beschämt.

Nach drei Tagen müssen wir bereits weiter (länger wäre wohl auch nicht auszuhalten gewesen ;-)). Vorbuchen ist eigentlich nicht unser Stil, aber wir möchten uns in Bogota mit Daniel (beruflich oft unterwegs) und Sophie (ihr Hostel ist prächtig ausgebucht) treffen, und so hatten wir uns bereits seit Längerem mit den Beiden verabredet. Der ungewöhnlich lange Aufenthalt in Cartagena hat uns zusätzlich Zeit gekostet, die nun leider hier in Medellin fehlt. Viel zu kurz, Medellin ist großartig und wir haben viel zu wenig gesehen. Den nicht nur die Fahrt mit dem Metrocable musste wegen Wind und Regen abgebrochen werden, auch die legendär hübschen Frauen Medellins bleiben (laut Mauricio) bei diesem Mistwetter leider zuhause. So bleibt die Frage nach den schönsten Frauen vorerst ungeklärt. Schade, aber uns bleibt ja noch eine zweite Chance, später dann, in Cali …  In diesem Sinne: Vroom vromm Ahoi!

Ein paar Bilder vom Stopover in Medellin findet ihr bereits jetzt unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/kolumbien-equador/

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4 Kommentare zu “Stoppschilder und Moppedmaut

  1. Sassi & Oli sagt:

    Hey Leute! Wir wollten Euch nur mal sagen: Auch diese schriftstellerisch immer besser werdenden Reiseberichte von Euch zu lesen, ist wie Finger in der Steckdose! Es ist einfach ansteckend …. Ütze, viel Erfolg für Deine Mission „Wohltätigkeits Ralley“ !!! Qué tengan cuidado siempre y que disfruten el tiempo en Bogotá! Danke auch für die suuuper geilen Fotos! Medellin fanden wir ja auch sehr beeindruckend – haben wir noch nie von gehört! Und die Streetartbilder von Cartagena sind besser als die, die wir in Ponta Delgada auf Sao Miguel gesehen haben – und diese fanden wir schon stark! Saludos de las dos salchichas de Frankfurt Oli & Sassi

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    • Jörn sagt:

      Ahoi Ihr Würschtchen 🙂
      Leider en bissrl missverständlich, aber der Wohltätigkeits-StePHan is nich der SteFan… muss ich wohl mal korrigieren. Freut mich wenns euch gefällt, Bogota is muy bien tambien!
      Abrazos y besos

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  2. swamp sagt:

    take a picture of you guys snorting cocaine !

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