Bobby Leach

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2014/03/01 von Jörn

Die Mauerstadt

Es gibt viel zu Tun: wir wollen uns ein paar neutrale „nicht-US“-Kennzeichen anfertigen lassen und ich bin auf er Suche nach neuen „Glas“. Nach einem Sturz vom Stativ in Panama schien das Zoom-Objektiv für meine Sony-Kamera zuerst unbeschadet, doch zeigen sich schnell unscharfe Ränder auf allen Tele-Fotos 😦 . Vor Ort kann niemand die Linse neu justieren, der nächste offizielle Service-Point ist im entfernten Miami! Transport-Risiko und Kosten sind immens, lokal ist kein vernünftiger Ersatz aufzutreiben, so kommt mich schließlich Neuware im Sonderangebot aus Deutschland günstiger und ich ordere ein Care-Paket von zuhause. Zähne und Zoom – Kolumbien stellt sich erstmal als Wehklagen aus der Reisekasse dar.

Kanäle,

Kanäle,

Aber irgendwann sind alle Zähne gerichtet und auch das nachhallende Schwanken des Seegangs geht zurück, so lässt sich auch mal ein bisschen Zeit einrichten Cartagena zu besichtigen. Die Lagunen-Lage macht die Stadt so außerordentlich und bedeutend, wurde es doch zu DEM Hafen durch den die Spanier alles südamerikanische Beutegold verschifften. Dies machte Cartagena reich, was man heute noch an der pompösen Altstadt erkennt, und militärisch wichtig und schwer umkämpft, was man heute noch an den gewaltigen Wehranlagen sieht, die die Altstadt komplett umschleißen. Selbst wer sich eigentlich nicht für alte Burggemäuer interessiert sollte sich einen Rundgang durch die Bollwerke gönnen, oder zumindest das Castillo San Felipe besuchen. Optisch

Castillo San Felipe, die Landmarke für den Stadtverkehr

Castillo San Felipe, die Landmarke für den Stadtverkehr

eindeutig mehr Kubismus als Romantik bietet ein fantastisch gemachter Audio-Guide den notwendigen Zusatz- Informationskanal um die gewalttätige Geschichte und Cartagena überhaupt zu begreifen. In detailverliebten Stil (wer möchte kann bis zu drei stunden Soundmaterial abrufen!) wird greifbar ausgemalt wie ein ausgebufftes Bauwerk, ein paar Kanonen und eine Menge Pest und Gelbfieber instrumentalisiert wurden um angreifende Kolonial-Konkurrenten und Piraten von den königlichen Goldkellern fern zu halten. Die gruseligen Tunnel und Gänge die den Berg durchziehen sind ein Kapitel für sich, und wer Gummistiefel und Taschenlampe mitbringt darf sogar in die untersten Keller kriechen die bereits wieder langsam vom Lagunenwasser geflutet werden. Besucht man anschlie0eßend noch das

... Kolonialpolitik zu verstehen.

… Kolonialpolitik zu verstehen.

Marine-Museum (ein Feuerwerk für den Modellbauer) und entdeckt welcher wahnsinnige personelle und technische Einsatz zu Kolonialzeiten betrieben wurde (Kanäle gegraben, Meerengen zugeschüttet und km-lange Sperrketten gespannt), ahnt plötzlich welche obszönen Mengen an Schätzen den Kontinent entrungen worden sein müssen um all diesen Aufwand zu rechtfertigen.

Den ehemaligen und aktuellen Reichtum der ummauerten Stadt kann man heute noch gut im Centro begutachten, wo restaurierte Villen mit teuren Lokalen um die Wette glänzen. Das ist uns etwas zu steril, doch nur ein paar Meter vor den Prachtstraßen (die ganze Altstadt lässt sich prima zu Fuß erkunden) liegt in Getsemai,

... aber recht steril.

… aber recht steril.

das Handwerkervirtel, der etwas abgeschmustere Teil der Inselstadt. Hier sind noch nicht alle Gassen auf Hochglanz, gibt es noch einen kleinen Rotlicht-Streifen, lebhafte Plazas und einige Reageaton- und Salsa-Clubs die schon mittwochs das Wochenende einläuten. Der einzige Rockclub (jeden Abend Livemusik!) ist zufälligerweise auch noch eine bajuvarische Gaststube. Was sich initial so verlockend anhört ist in der Realität indessen ein ziemlich lahmer Zock. Hier findet sich, wahrscheinlich ob des Preisniveaus,

Vorne Getsemani, hinten Boccagrande

Vorne Getsemani, hinten Boccagrande

eher gesetzteres Publikum zum Geburtstagsdinner ein, um bei charttauglichen Sounds sich ein wirklich exotisches Allgäu-Essen zu gönnen (das allerdings ist absolut lekker ;-)). Das rockt nicht wirklich, aber sonst gefällt mir Cartagena ausgesprochen gut. Die Strassen sind voller Malereien und Skulpturen, Musik überall, eine bunte SONY DSCMixtur freundlicher Menschen (etwa 50% der Einwohner sind afrikanischer Abstammung), eine funktionierende Müllabfuhr (Abends ab 10) und Taxifahrer die nicht bescheißen!

Zu guter Letzt wird dem Speiseeis-Junkie in diesem Land auch endlich wieder die Möglichkeit gegeben seinem Lieblingslaster hemmungslos zu frönen! P1030325In Zentralamerika dazu verdonnert zu furchteinflößenden Preisen Ware minderer Qualität und Auswahl (Vanille, Schoko, Erdbeere.. das wars) verköstigen zu müssen, sind hier endlich wieder menschen-würdige Portionsgrößen am Start und den entwöhnten Geschmacksknospen können virtuose Kreationen wie z.B. Guabanana oder Zitronen-Käsekuchen (mein Favorit!) dargeboten werden. Das wirkt doch alles sehr symphatisch und lebensfroh, ein wirklich vielversprechender Einstieg nach Kolumbien!

Aus dem Nachbarland Venezuela kommen allerdings alles andere als viel versprechenden Nachrichten. Aufmerksam verfolgen wir seit geraumer Zeit die Medien, seit Chaves Abgang im Frühjahr 2013 sind die Lebensumstände im Land kontinuierlich immer schlechter geworden. Die Versorgung der Bevölkerung stockt, Zeitungen erscheinen nicht mehr und lediglich nur der parteieigene TV-Kanal ist als einziger noch auf Sendung. Die Protestwelle hat inzwischen auch das flache Land erreicht, die Polizei schießt scharf und es schon sind erste Demonstranten dadurch zu Tode gekommen. Bei Planung der Reise stand Venezuela noch als ein unbekanntes und spannendes Land ganz oben auf der Neugierskala, seit aber Präsident Maduro, ein ehemaliger U-Bahnfahrer, Venezuela Richtung Bürgerkrieg und damit herunter von den Schienen lenkt ist ein Besuch wohl eher nicht ratsam. Schade, hoffentlich ergeht es uns nicht wie Bobby Leach, aber momentan erscheint das Risiko in echte Schwierigkeiten zu kommen doch zu groß und wir beschließen schlußendlich schweren Herzens auf Venezuela komplett, selbst auf einen kleinen Abstecher, zu verzichten. In Kolumbien soll es die schönsten Frauen der Welt geben und die schönsten davon in der Stadt Medellin (lediglich Cali wagt hier Einspruch). Ob dies auch stimmt lässt sich am Besten wohl nur per Feldstudie vor Ort entscheiden, also satteln wir unsere Moppeds Richtung Bergland…

Bilder aus Cartagena findet ihr schon lange unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/kolumbien-equador/

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