Ritt auf der Ratte

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2014/02/19 von Jörn

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

Alles hat ein Ende nur die PanAmericana hat zwei…also um genau zu sein vier, denn die Strecke ist alles andere als „pan“(griech: alles, gesamt, komplett). Die Puente de las Amerikas (und ihre neue Schwester) verbindet zwar die beiden Hälften von Panama, von einer Verbindung von zwei Kontinenten kann allerdings keine Rede sein. Auf einem ca.150 Km langen Stück im Grenzgebiet zwischen Panama und Kolumbien gibt es genau nur eine Art von Straßenverbindungen, nämlich garkeine! Hier in den Sümpfen von Darien regieren die indigenen Warlords und Drogenbosse. Im diesem sogenannten Darian Gap gab es noch nie befestigte Wege und auch aus politischen Unwillen wird es auch in Zukunft wohl niemals eine Strasse durch dieses Gebiet geben.

Unsere Ratte

Unsere Ratte

Der transamerikanische Motorradreisende ist also gezwungen sich und seinen Untersatz irgendwie hinüber auf die andere Seite der Sümpfe zu bringen. Den mit Abstand elegantesten Weg den Gap zu überwinden bilden dabei, im Gegensatz zur langweiligen Fliegerei, einer der doch recht zahlreich angebotenen Segeltörns durch die Karibik. Statt stundenlangem Sitzen in der Aluröhre geht es drei Tage quer durch das San Blas Archipel (Kuna Yala), unterbrochen von Stopps an abgelegenen Palmeninseln, mit Gelegenheit zum Schwimmen, Schnorcheln, Grillen….

Die Stahlratte

Wir buchen unseren Törn auf dem Segelschiff „Stahlratte“. Sie ist ein echtes Unikum unter den Karibikern, denn a) ist die Mannschaft nicht nur lustig, sondern besteht aus professionellen Seglern und b) das schiff ist ziemlich groß. Ersteres macht die Reise unterhaltsam UND sicher, Zweiteres ist nicht nur ein Vorteil bei rauer See, sondern auch wenn man Motorräder quasi als Handgepäck befördern möchte. Außerdem ist das Essen an Bord legendär! 😉

Wir fahren in kleinen Grüppchen zum Anleger in Carti, dem Zugangs-Hafen für die San Plas Inseln. Zwei Stunden Fahrt hinter Panama-Stadt, nur kurz unterbrochen von Polizei- und Militärkontrollen (die Straße führt ja letztendlich in die Darien-Region) liegt Carti mitten im Kula-Yala, der autonomen verwalteten Region der Kuna-Stämme. Hier gilt deren Gesetzt und dies besagt das alle Gäste auch eine Unterkunft auf eine der Inseln zu buchen haben. Die 13 US$ die wir „Eintritt“ zahlen müssen sind gut angelegt, denn vor ein paar Jahren führte nur eine üble Erdpiste 40 Km weit durchs Kuna-Land, doch nun befahren wir ein fantastisches Teer-Sträßchen welches uns durch eine nicht minder fantastische Landschaft führt. Super und somit auch ein Streckentipp (wenn auch eine Sackgasse).

Kräder und Kartons

Kräder und Kartons

Vorm Kai von Carti (und Carti besteht auch aus nicht viel mehr als diesen zwei kleinen Landungsstegen) wartet schon die Stahlratte auf uns Biker und den Proviant der Lieferanten. Zur bekannten Gruppe stoßen noch Ralf & Bigi auf ihrer massiv modifizierten Mitt-80ger- XT (ein bezauberndes Mopped & in der einzig akzeptablen Farbe– Neid!) und Raul & Christina auf Vater/Tochter-Tour, in Summe sind somit 8 Bikes an Bord. Als alle versammelt sind wird endlich mit dem Laden begonnen. Unser

...Bikes.

…Bikes.

Gepäck und eine Hälfte der Truppe fahren zuerst per Lancha zur Schiff, die andere Hälfte bleibt am Steg um von dort aus die Flugeinlagen der Stahlrösser zu unterstützen. Die Ratte kommt längs und mit Hilfe eines Kranauslegers und einer zentralen elektrischen Winde werden die Moppeds an Deck gehievt. Das geht deutlich schneller und einfacher als gedacht. Heute übernachten wir bereits auf einer Kuna-Insel unweit von Carti (ich denke die Kuna gestatten aus rein wirtschaftlichen Gründen keine Übernachtungsgäste im Hafen??), die Ratte setzt uns auf besagtem Eiland ab und wird uns morgen früh wieder auffischen. Wider erwaten ist die Insel jedoch nicht nur am Rand bebaut, sondern auf der vielleicht nur 100m langen Sandbank ist kein einziges Fleckchen frei, Hütte reiht sich an Hütte, dazwischen nur ein paar Trampelpfade.

Unser erstes Kuna-Eiland

Unser erstes Kuna-Eiland

Allerdings hat auch hier die Technik schon Einzug gehalten: während die Toiletten nur wackelige Holzgestelle am Wasserrand sind (mit nicht mehr als einem Loch im Boden) sind die Pfade schon beleuchtet und an jeder Hütte findet eine Solarpaneele. Sehr „strange“. Wir essen mit dem Häuptling zu Abend, aber als es dunkel wird ziehen wir uns schnell auf das knirschende Bettgestell in unserer 4er-Hütte zurück, kurz bevor es anfängt zu regnen. Komisch hierbei: die Touristen werden auf den Inseln „zwangs-habitiert“, aber einen Einblick ins Leben und Denken wird dem zahlenden Gast nicht gewährt, selbst das Fotografieren (zB der geschmückten Damen) wird lautstark verbeten. Das ist so ziemlich die übelste Unterkunft der bisherigen Reise, spannend und staunend war dieses Erlebnis aber allemal.

Kuna Yala

Am nächsten Morgen endlich Start – bei allerdings nur mäßigem Wetter. Die Stahlratte hat überraschenderweise nun auch schon die motorradlosen Passagiere mit an Bord, während unsere Rösser bereits fachmännisch vertäut und mit dicken Planen abgedeckt (seeeeehr schön) auf Deck gesichert sind. Wir setzten Segel, der Wind bläst heftig und los geht die Fahrt hinaus ins Archipel. Kapitän Ludwig führt Schiff und Mannschaft in standesgemäßer Uniform: die langen Haare im Wind, seinen Rettungsring in einem schwarzen T-Shirt gesichert und in Unterhosen. Man sollte sich aber durch das lässige Outfit nicht täuschen lassen, hier ist ein Vollblut-Seeman am Werk. Wahrscheinlich hat er jede Schraube am Schiff schon einmal in der Hand gehabt, war er doch schon „an Bord“ als der Rumpf noch ein stillgelegter Fischkutter war, der irgendwann mal erst die Stahlratte werden sollte. Das Schiff hat schon eine bewegte Vergangenheit und feiert dieses Jahr seinen 111ten Geburtstag (nachzulesen unter: http://www.stahlratte.de). Doch nicht nur er war an der Geburt der Stahlratte beteiligt, auch die (nur) zweiköpfige Mannschaft besteht aus Profi-Seglern die schon damals mit unter Greenpeace-Flagge gefahren sind. Es folgt eine kurze Einweisung für die Passagiere, ein Kombüsenplan wird erstellt (Kitchen Bitches), und schon darf jeder die Seefahrt genießen.

Doch nach ein paar Stunden Fahrt erreichen wir schon unser Tagesziel. SONY DSCDas Grüppchen aus vielleicht fünf Palmeninseln scheint nicht ganz unbekannt, liegen bereits eine handvoll andere, kleinerer Boote bereits dazwischen vor Anker. Jedoch zu Recht: schneeweißer Sand, blaues Wasser, Palmen, (es gibt sogar ein winziges Inselchen, bestanden tatsächlich von nur einer einzelnen Palme, wie im Comic!!) vom einem Riff gesäumt und im Hintergrunds der zerbrochene rostige Bug eines alten Schiffswracks. Verdammt, das sieht aus wie der Abzug eines Werbefotos, aber das ist alles echt und wir sind mitten drin! Selbst wer fürs Trauminsel-Klischee bisher nichts übrig hatte wird hier eines Besseren belehrt.

Die Kapitäne der anderen, viel kleineren Boote, stehen ungläubig und kopfschüttelnd auf Deck, während Ludwig den Riesenkahn zwischen ihnen hindurch, am Riff vorbei (von dem sie deutlich mehr Abstand halten) direkt bis zum Strand der Palmen-Insel steuert. Ludwig bleibt dabei ganz gelassen, ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Und plötzlich bin ich auch von besagter Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer beseelt, dieser Törn ist so surreal, das Leben auf dem Schiff so herrlich.

Der legendäre Ropeswing  (hier für Menschen)

Der legendäre Ropeswing (hier für Menschen)

Außerdem sucht die Stahlratte für die Zeit vom Juni bis August immer wieder „junge Männer zum mitreisen“,wäre das nicht ein perfekter Abschluss einer Reise zwischen den Amerikas? Zwei Tage bleiben wir hier vor Anker, zum Schwimmen, Schnorcheln, den legendären Ropeswing zu testen, für Ausflüge zu den anderen Inseln und ans Riff, aus eigener Kraft oder per Dingi. Die Zeit verfliegt, unterstütz durch die aktive Mithilfe des kräftigen Hangover der sich nach dem abendlichen BBQ am Strand einschleicht (mehr schmutzige Details verrät Mr. Gravlee unter: http://enduroearth.com/riding-south-chapter-one-mexistan-and-central-bunghole/doom-slayers/ – ebenso gibt’s da ein sehenswertes Video).

Richtung Kolumbien

Start ist am nächsten Morgen schon um 5Uhr30, die Sonne malt erste helle Kleckse am Horizont, zwei Segel hissen, los geht die Fahrt, Anker lichten. Doch ich werde ein wenig stutzig als die Ankerlöcher im Bug mit einer Plane verschlossen werden „damit nicht soviel Wasser eindringt“, liegen sie doch recht weit oben?!? Und tatsächlich ist die See außerhalb des schützenden Riffs recht rau und innerhalb der nächsten nur 30 Minuten verwandelt sich der Traum der Karibik in das Zombieschiff der Ghuuuls. Trotz gutem Wetter türmt sich unangenehm hohe Dünung und der Kahn steigt hoch auf den Kamm um in der nächsten Sekunde, nach einem kurzen Moment der Schwerelosigkeit, tief hinab ins Wellental zu stürzen. Augenblicklich verschwand ein Großteil der Passagiere in den Kojen und ward bis zum nächsten Morgen nicht her gesehen.

Beim (nur mäßig besuchtem) Abendessen des schwimmenden Hospitals dann plötzlich ein lauter Knall, gefolgt von einem beständigen Maschinengewehr-Stakkato. Die Mannschaft springt auf, Maat Ete stürzt mit Hose auf links aus seiner Koje. Alle Masten sind intakt, aber wir haben einen buchstäblichen Schot-Bruch. Doch jeder der Passagiere hat schon mal einen alten Segler-Film gesehen, so klammern sich sofort fünf Mann an die Leine und rennen Richtung achtern um das nun unbändig flatternde Segel einzuholen, während die reguläre Crew am Klüver im Netz hängt und versucht das wild OLYMPUS DIGITAL CAMERAum sich schlagende Tuch festzuzurren. Ich versuche in einer Sonnenliege auf Deck ein wenig Schlaf zu finden, doch als nachts der Wind auffrischt und eine heftige Welle mich erst von der Liege abheben und dann mit selbiger umkippen lässt ist meine Sehnsucht nach den Meeresweiten schon deutlich abgekühlt. Beim Hochschrecken erfasst der Luftzug mein Kissen und ich kann es gerade noch einholen bevor es über die Reling geblasen wird. Im den Kabinen ist es mir zu schaukelig und ich verbringe den Rest der unruhigen Nacht im Windschatten des Steuerhauses… Wer wollte im Sommer auf enem Segelschiff als Matrose anheuern?? Ich jedenfalls nicht!

Bilder von der Seefahrt findet ihr unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/darien-gap/

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2 Kommentare zu “Ritt auf der Ratte

  1. Dat Blondi sagt:

    *seufz*

    Gefällt 1 Person

  2. swamp sagt:

    nice writing 😉
    even viewing with google translate 😉

    Gefällt 1 Person

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