Kummerreiche Küste

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2014/01/30 von Jörn

Cost Rica saugt

Ein paar Meter nach Verlassen des flachen Nicaraguas ändern sich urplötzlich

Landschaftsdramatik, gleich hinter der Grenze

Landschaftsdramatik, gleich hinter der Grenze

Landschaft und Bewuchs, Berge tauchen auf, dichter satter grüner Dschungel überall. Sehr schön so weit, doch gleichzeitig wird der Verkehr mehr, so dass kaum Gelegenheit bleibt die Aussicht zu genießen. Am Straßenrand ziehe ich mir ein Burger(chen), zusammen mit drei Fritten und ner Limo soll der Spaß 9 US$ kosten. WAS??? Ich schau noch mal in die Speisekarte, verifiziere den Wechselkurs, stimmt tatsächlich, mir schwant Böses. In zwei Tagen rausche ich durch dichten Verkehr bis nach San Jose und prompt begrüßt mich kräftiger Regen. Am Flughafen werde ich zuerst vom Bürgersteig vertrieben, anschließend gibt’s gleich noch nen Anpfiff weil die BMW breiter ist als ihre Parklücke und über die gelbe Linie hinausragt. Ich bin schockiert: Wetter, Preise und Ordnungswahn schlimmer als in Deutschland! Dies soll aber nur ein kleiner Vorgeschmack für die kommenden Wochen sein

Costa Rica ist anders, ganz anders, als die hinter uns liegenden Länder. „Ist doch klar“ werden viele denken, ist CR doch der reichste Staat auf der mittelamerikanischen Landbrücke. Aber auch jenseits des Offensichtlichen ändert sich zeitgleich mit dem Grenzübertritt auch etwas an der Stimmung, etwas an der Reiselust. Ich möchte diese Episode gerne in zwei Berichte unterteilen, den Scheiße- und den Reise-Teil. Und da CR soooo anders ist, beginne ich diesen Bericht einfach ausnahmsweise mal mit dem Fazit ;-):

Costa Rica saugt – würde der Brite sagen. Aber hier passt diese Floskel sogar im Deutschen. Es saugt an unserem Geldbeutel, an unseren Nerven, an unserer Energie und Reiselust. CR hat Einiges zu bieten, soviel Natur und soviel unterschiedliche Landschaften auf so engen Raum, das ist einmalig. Aber viel mehr außer der Natur kann nicht dauerhaft fesseln. CR ist darüber hinaus sehr reglementiert, eng und man könnte sagen „uncool“. Auch häufen sich gerade hier nun die ersten Ausfälle beim Equipment (die unseren Aufenthalt noch verlängern), das Wetter ist mäßig und die Zeit um Weihnachten die teuerste und überlaufenste des ganzen Jahres. Der Kontrast zum fantastischen Nicaragua könnte größer nicht sein, Stimmungsmäßig mit Sicherheit der Tiefpunkt der bisherigen Reise.

Geld und Reiselust

CR war schon immer teuer, doch in den letzten Jahren sind die Preise geradezu explodiert. Für Unterkünfte sind etwa doppelte, für Essen & Trinken etwa dreifache Preise wie in den Nachbarländern zu zahlen, und dass meist noch vollkommen unberechtigt. Nicht selten zahlen wir 8 USD für ein Frühstück, was weder schmeckt noch satt macht. Da ist was faul. Eine Pizza schlägt mit 12 USD zu Buche und auch im Supermarkt kann man sich nicht günstiger versorgen. Oft fragen wir uns, wie die Ticos (wie die Costaricaner sich selbst bezeichnen) sich ihr eigenes Land überhaupt noch leisten können, liegt der Durchschnittsverdienst doch bei ca 3 US$/Stunde. Auf die Rechnungen werden dann entweder noch 10% Service oder 13% Steuer aufgeschlagen, manchmal auch beides.

Das liebesvollste Horizonte

Das liebesvollste Horizonte

Das birgt manche Überraschung, zumal auch die „schmudelligen“ Sodas dann manchmal nicht deutlich billiger sind als schmucke Restaurants. Noch nie kam ich mir so oft geprellt und geneppt vor wie in CR. Ähnliches gilt auch für die Unterkünfte. Eine typisches Tico-Hotel (rechteckiger Betonkasten, Zimmer ohne Fenster, winzige Bäder – aber ein Riesen-Flatscreen) ist mitnichten günstiger als eine gepflegte kleine Pension mit Pool im Hängematten-Garten und liebevoll eingerichteten Zimmern (sofern mann denn eine findet).

Für uns echt frustrierend noch die Tatsache das von Mitte Dezember bis Mitte Januar, also genau in unserem Reisefenster, die Preise sich nochmal locker verdoppeln und alle angenehmen Unterkünfte darüber hinaus schon seit Wochen ausgebucht sind. So müssen wir zB während des Aufenthalts in der Arenal-Region drei mal die Unterkunft wechseln – alle drei Tage aufrödeln nur um fünf Minuten später wieder auszupacken nervt, vor Allem wenn man sich, mangels Verfügbarkeit, sofort wieder auf die Suche nach der nächsten Bleibe für Übermorgen machen muss. Kathrins (aka Miez) Plastikgeld funktioniert, entgegen der Aussage der Bank, in keinem der unzähligen getesteten ATMs (also Achtung, weder V-Pay noch Maestro werden aktuell in CR unterstützt!), meine Kreditkarte ist durch die Vorab-Zahlung des Segeltörns mit der Stahlratte schon angestrengt und so wird plötzlich unser Bargeld knapp. Dies geschieht natürlich während der Feiertage, so dass die Überweisung von Frischgeld sich noch zusätzlich verzögert, drei Tage lang ziehen wir all unsre Karten vergeblich durch die Automaten …

Fahren und Verkehr

Auf der Karibikseite regnet es drei Tage durchgehend, aber auch im Rest vom Land

Vorher/nachher-Bilder, finde

Vorher/nachher-Bilder, finde

ziehen jedes mal dicke Wolken auf, sobald wir den Helm überstreifen (ohne Helm zu fahren kostet 250$ Strafe!), richtig nass werden wir zum glück aber nur noch recht selten. Es wird ziemlich rücksichtslos gefahren und man muss beim Ausweichen höllisch aufpassen. Die Strassen werden offensichtlich immer wieder mit einer neuen Asfaltschicht einfach überteert, was dazu führt das der Fahrbahnrand mindestens 10 cm hoch ist und Kanaldeckel langsam immer tiefer „einsinken“.  Kanallöcher braucht man auf den neuen und mautpflichtigen Fernstraßen zwar nicht zu fürchten, doch sind auch diese lediglich einspurig ausgebaut und nicht nur freitagabends quält sich die endlose Blechwelle kollektiv mit der Höchstgeschwindigkeit des vorauskriechenden LKW über die Berge. Wir machens schlussendlich wie die einheimischen Biker und überholen rechts auf dem Seitenstreifen. Was bei dichtem Verkehr allerdings schnell zur reinen Standspurheizerei ausartet und darin gipfelt, das wir zB von Puntarenas bis San Jose 100 Km durchgehend rechts am Stau vorbei fliegen (Hallo Mutter, das hast du nicht gelesen, oder? ;-))

Auch die BMW läuft net richtig rund: kurz vorm Supermarkt abgestellt, sprint sie ein paar Sekunden später einfach nicht mehr an. Es wird gleich dunkel, so stelle ich die Sertao bei einem freundlichen Herren im Hinterhof ab und komme am nächsten Morgen mit Werkzeug wieder. Nun startet das Mistding sofort wieder, ein Fehler ist nicht auszumachen. Aufpacken, denn die Fähre aufs Festland wartet nicht.

El Tigre in Aktion

El Tigre in Aktion

Doch ein paar Stunden später, beim Versuch die Fähre zu verlassen das gleiche Spiel. Nix zu machen. Selbst El Tigre, der eine Moppedwerkstatt auf Nicoya betreibt und zufällig vorbeikommt kann mit allem Tricks und Kniffen die BMW nicht zum Starten bringen. Mein heißer Tipp – ein hängender Ständerschalter – lässt sich auch nicht sicher heraustesten. Die Miez muss zurück zu ihrem Flieger, also fahren wir mit dem Bus nach San Jose (was erstaunlich schnell und billig geht). Bei BMW gibt es auch keine wirklich hilfreichen Ideen. Und abermals, als ich am nächsten Tag wieder in Puntarenas ankomme, springt der Hobel einfach an, als wäre Nichts gewesen. Wenigstens kann ich so auf eigenen Rädern in die Werkstatt rollen, wo dann die Woche darauf eine zweitägige Fehlersuche beginnt. Ich habe ja noch Garantie auf die Sertao, daher stört mich die aufgewendete Arbeitszeit nicht, aber wir sind bereits jetzt schon länger in CR als uns lieb ist, außerdem drängt der Abfahrttermin auf der Stahlratte. Als Fehlergrund wurde am Ende doch der Ständerschalter deklariert (zumindest offiziell), was ich irgendwie nicht so einfach glauben möchte, aber bisher gabs keine weiteren Startprobleme mehr (dreimalaufholzklopf).

Am einfachsten lies sich dann doch die Zahnfleischentzündung kurieren, die mich schon seit einer Woche quält. Endlich mal Zeit ne ordentliche Apotheke anzulaufen, dann ist mit einer einzelnen Droge (die bestimmt in Deutschland verboten ist ;-)) drei Tage später wieder alles in Butter. Jede für sich genommen keine große Geschichte und eigentlich Reisealltag, aber in Summe stellt Costa Rica bisher die größte Flaute im See der Reisefreude dar. Für mich (ich war vor 4 Jahren schon mal in CR) gab’s nichts Neues zu entdecken, das dafür aber zu gesalzenen Preisen. Die Konzentration all dieser kleinen Unannehmlichkeiten hier in CR ist besonders tragisch, da dies Alles in die Zeit von Miezes einzigem Besuch fällt :-(. Aber sie ist ja ein tapferes Mädchen und lässt sich die Laune net vermiesen, ich persönlich finds aber sehr schade!

Doch nun genug gebruttelt, die schönen Seiten Costa Ricas werde ich dann im nächsten Beitrag beleuchten. Bilder zu Costa Rica findet ihr schon jetzt unter :https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/darien-gap/

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2 Kommentare zu “Kummerreiche Küste

  1. Andi sagt:

    Na wie ich sehe hat der Arenal ja wieder hausgroße Brocken gespuckt :).
    Drück euch die Daumen dass es in Südamerika eleganter wird!
    Viel Spaß und so, Andi

    Liken

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