Vi(v)a Leon

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2014/01/08 von Jörn

Leon (Nicaragua) erweist sich für uns als nicht minder fesselnd als die Zeit in der gleichnamige Stadt in Mexico, im Gegenteil. Nur ist es etwas subtiler, versteckter und weniger offensichtlich was den Reiz des Örtchens ausmacht … und auch schwerer zu beschreiben. Leon ist das Gegenstück zu Granada, der ehemaligen Hauptstadt des Somoza- Regimes. Dort sind die Strassen breit und herausgeputzt und Scharen von Ausflüglern werden durch die hochglanzpolierte Fußgängerzone geführt.

Statt Ständer

Statt Ständer

Nach Granada machen wir nur einen Tagesausflug, was IMHO auch vollkommen ausreicht (am besten gefällt mir der Vater der seinen Sohn während des ganzen Einkaufs das ständerlose Zweirad halten lässt- genial 😉 ).

Leon ist der dreckige kleine vergessene Bruder von Granada, die einstige Hauptstadt und aktuelle Hochburg der Sandinista, Leon ist intellektuell, belesen, linksradikal und atmet noch immer die Revolution. Wer sich die Mühe macht (und die Zeit hat) genauer hinzuschauen findet einige Schätzchen hinter den Fassaden. Dies ist nicht nur architektonisch gemeint, auch wenn die Häuser manchmal kleine Paradiese beherbergen. An den engen Gassen des Schachbrett-Systems, die kaum Platz für Fahr- und Fußverkehr lassen präsentieren die Gebäude meist nur eine eintönige, durchgehende und nur von ein oder zwei torgroßen Türen unterbrochene Mauerfront. Blickt man jedoch hinter die Pforte finden sich prächtige hohe offene Räume die einen begrünten Innenhof umstehen und dahinter einen palmenbestandenen Hinterhof und dahinter ein Hinterhinterhof….SONY DSC Leon ist ferner die Welthauptstadt des Schaukelstuhls, jeder, egal welchen Alters und Geschlecht, ob grauhaarige Oma oder tätowierter Enkel, sitzt hier auf seiner Terrasse und schaukelt was das Zeug hält, in Privaträumen scheinen mir normale Sitzmöbel gar nicht zu existieren. Die ständige Schaukelei strömt eine Ruhe aus, der man sich nur schwer entziehen kann.

Vielleicht liegt es ja an dieser Ruhe das wir unseren Aufenthalt in Leon wieder und wieder verlängern?! Nein, denn schon seit El Salvador müssen wir uns quasi zwingen wieder weiter zu ziehen. Obwohl die Distanzen zwischen zwei Destinationen in Zentralamerika nur kurz und einfach zu überwinden sind, fällt es uns immer schwerer die Klamotten zu packen und einen Ort zu verlassen. Ist es nur die Tatsache das Wetter, Ort und Stimmung einfach gerade perfekt passen oder sind das erste Anzeichen einer Reisemüdigkeit, eines „nicht-Mehr-aufnehmen-könnens“ oder Sättigung? Ich weiß es nicht, aber es fällt uns wirklich schwer Leon zu verlassen. Wobei sich hier wieder einmal zeigt wie extrem die Wahl der Unterkunft das Erleben einer Reise beeinflussen kann.

Festlicher Parkplatz

Festlicher Parkplatz

Wir sind im Viavia abgestiegen, einer Billard-Bar mit angegliedertem Restaurant und Hostel. Nicht nur die liebevoll eingerichteten großen Zimmer, der tolle Innenhof (in dem wir die Moppeds parken dürfen obwohl wir dafür quer durch Bar & Restaurant fahren müssen :-)), der nette Staff oder die besten Fritten von ganz Mesoamerika machen diesen Platz so magnetisch, sondern vor allem die Menschen die hier absteigen.

Klar, wer in Nicaragua Urlaub macht ist per se weit weg vom TUI- Pauschalpacket, aber im Viavia sammeln sich Gestallten die wirklich außergewöhnlich sind. Vom Ex-Erntebrigadisten der ´83 zum ersten Mal in Nica war, bis zum walisischen Ökonom der vor 10 Jahren bereits im Hinterland von Kambodscha als Lehrer arbeitete. Es ist einfach immer lohnend sich mit bemerkenswerten Menschen auszutauschen, noch mehr wenn diese sich auch noch als besonders partyfreudig erweisen.

Besser als Bier,...

Besser als Bier,…

Sehr hilfreich in diesem Zusammenhang gebiert sich die Tatsache, das die Rumpreise ins bodenlose Fallen. In einer guten Bar wir für ein „Servicio“, eine kleine Flasche vom ausgesprochen guten „Flor de Caṅa“ + Brause + Eis + Messbecher (unnötig) + vier Gläser, weniger als 6 US$ aufgerufen, für den fast ebenso guten „Plata“ nur etwa die Hälfte. Wer hier Bier trinkt ist selbst dran schuld.

Apr Party: alle für ausländische Touristen nützlichen Institutionen (Supermarkt, Touranbieter, Webcafe, französische Bäckerei, …) tummeln sich in Leon in und um einen einzigen Straßenblock, während die beiden einzigen Hostels sich sogar auf der gleiche Strasse vis-a-vis gegenüber befinden. Das gediegene Viavia liegt nur fünf Schritte entfernt vom „Bigfoot-Hostel“, was, als genaue Antithese, die budget-orientierte, partyhungrige Backpacker-Meute beherbergt. Dieses als abschreckendes Beispiel abzutun wäre zu einfach, nein – ganz im Gegenteil, es besteht ein reger Austausch zwischen beiden Etablissements. So wie wir die Angebote der Bigfoots (zB das regelmäßige Strand-Shuttle) solange nutzen bis uns das Gegockel der Twens auf den Zeiger geht, so kommt auch mancher Backpacker (erkennbar am pinkfarbenen „all-inclusive“-Armreif) herüber in unsere Unterkunft wenn ihm der sinnfreie Trubel von gegenüber zu viel wird. Best of both worlds und extrem angenehm für beide Trüppchen.

Als wir uns endlich zur nächsten Etappe aufraffen wollen spricht uns jemand (auf Deutsch) an: „Euch beiden sind doch sicherlich die BMWs da hinten?!“… und ZACK schon bleiben wir wieder hängen :-). Jürgen, der Fragende, ist auch eine jener Persönlichkeiten die man wohl nur in Nicaragua trifft.

Toyota und Jürgen..

Toyota und Jürgen..

Nach acht Jahren Weltreise in seinem Toyota Landcruiser haben er und seine Freundin Elli sich vor ein paar Monaten am Stadtrand von Leon niedergelassen und bieten nun Motorradtouren und Leihmotorräder an (www.bike-nicaragua.com). Für den nächsten Tag laden die beiden uns zu sich nach Hause ein. Statt Kaffe und Kuchen gibt’s selbst gepressten Saft und selbst gebackenes Brot (boa, endlich mal wieder en ordentliches Brot!) zu den spannenden Geschichten aus aller Welt, er gibt uns auch, ganz selbstverständlich, wertvolle Routentipps für die nächsten Etappen. Es gibt eine Garage, eine kleine Werkstatt und beiden haben gerade in ein neues Gästebett investiert ;-), ganz sicher entsteht hier demnächst DER Anlaufpunkt für alle Motorrad-Overlander in Nicaragua.

Zwei Tage ziehen wir mit den Beiden um die Häuser, sie zeigen uns die versteckten Eckkneipen (in denen das Herz der Revolution noch schlägt) und wir feiern zusammen Maria Conception, ein Kirchenfest bei dem es alles andere als beschaulich zugeht. Die PA die am Kirchplatz aufgefahren wird löst schon beim Soundcheck die Alarmanlagen der umstehenden Autos aus und Punkt Mitternacht wird Feuerwerk gezündet, so heftig und laut das selbst ein Thailänder blass werden würde (wer schon mal zu Bhumiphol Geburtstag in Bangkok war weis was ich meine 🙂 ). Hier wird der komplette Bürgerkrieg in 30 Minuten nachgestellt. Dann können wir uns endlich von Leon losreißen…

Wasser und Vulkane

Nicaragua steht vor allem für Seen und Vulkane. Ging es im letzten Beitrag primär um Vulkane, kommt jetzt noch das Wasser hinzu. Nicaragua ist das größte der CA4-Länder, gleichzeitig auch das mit den wenigsten Einwohnern. Die ganze Bevölkerung drängt sich an der Westküste, unterhalb der großen Seen zusammen, am dichtesten im Gebiet zwischen Managua und Granada. Und ausgerechnet in diesem Ballungsgebiet soll das Paradies liegen?

Tut es! Die Laguna Apoyo, genau auf halbem Weg zwischen den „großen“ Städten biegt man direkt von Highway auf eine Gemeindestrasse ab, ist ein von einem Naturschutzgebiet umgebener Kratersee.

Laguna Apoyo

Laguna Apoyo

Die Bebauung endet an der Kraterkante, nur diese eine Strasse führt hinab in den grün bewachsenen Trichter und am ganzen Seeufer gibt es außer ein paar Privatvillen nur eine handvoll Unterkünfte. Die Lage ist schon nett, aber nicht das Besondere. Der Wasser selbst ist das was lockt, glasklar, durch geothermale Quellen gespeist badewannenwarm (ein See mit Fußbodenheizung quasi) und, durch einen kleinen Schwefelgehalt absolut mückenfrei – Südsee-Feeling mit Süßwasser! Wir steigen im „Paradiso“ ab, leicht überteuert, aber unter französischer Leitung und mit französischem Flair. (außerdem gibt es hier zum ersten mal auf dieser Reise Betten die tatsächlich lang genug sind das mir, und ich bin kein Riese, die Füße beim schlafen mal NICHT unten heraus baumeln ;-)) Wir treffen die Waliser wider und rufen spontan einen Sunday=Funday aus, der darin gipfelt das unser Servicio uns sogar schwimmend bis zur Badeinsel gebracht wird.

Auch schöne Aussicht

Auch schöne Aussicht

Respekt für unsere tapfere „Bedienung“ und  ein Hoch auf die französische Lebensweise. Unsren Walisern gefällt das Ganze dermaßen gut das sie ihren Bus sausen lassen und anschließend mit dem Taxi hinterher eilen, nur um noch zwei Stunden länger vor Ort bleiben zu können. Schon wieder ein Platz den man nur sehr ungern verlassen möchte.

Doch ich möchte. Denn in zwei Tagen möchte ich Kathrin, meine Liebste die für vier Wochen mit auf die Moppedrunde aufspringen wird, in San Jose, der Hauptstadt von Costa Rica abholen. Dass ich dafür die krasseste Grenze der bisherigen Reise überfahren werde weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch das wird ein anderes Kapitel…

Die Bilder zur Lagune gibt’s wie immer unter: https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/zentralamerika/

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