Die Düse

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2013/12/24 von Jörn

Zwei Tage, drei Länder

Grenzmarathon, drei Länder, zwei Ein- plus zwei Ausreisen innerhalb von 24 Stunden. Auf unseren nur 140Km durch Honduras machen wir für eine Nacht Zwischenstopp, wer aber nah genug der Grenze startet kann beide Übertritte innerhalb eines Tages schaffen. Die ehemalige „Horror“grenze von Mittelamerika hat ganz offensichtlich ihren Schrecken verloren, ganz offensichtlich polieren Salvador und Honduras ganz kräftig am ramponierten Image. Am Eingang zum Grenzgebiet prüft nun ein offiziell gekleideter Beamter die Papiere auf Vollständigkeit, entfernt Unnötiges und begleitet anschließend persönlich den schwitzenden Motorradreisenden freundlich zum richtigen Startschalter. Nicht das wir uns falsch verstehen: die Prozedur ist immer noch unnötig kompliziert und ein wahnwitziger Stapel von Fotokopien ist zu erzeugen (in Summe 21!), aber am Eingang hängt nun ein Übersichtsplan der Grenzanlage aus und man wird vom jeweiligen Schalter mit klaren Anweisungen zu nächsten Schritt entlassen. Wir sind an einem Sonntag unterwegs, niemand ist vor uns und so bringen wir die ganze Affäre, ganz ohne Hilfe eines der schmeißfliegengleichen „Grenzhelfer“, in nur 2.5h hinter uns.

you are entering Managua...

you are entering Managua…

Doch nicht nur an der Grenze wird dem selbstfahrenden Touristen der Weg geebnet, auch auf den früher für korrupte Polizeikontrollen berüchtigten Korridor von El Salvador durch Honduras nach Nicaragua werden wir erstaunlicherweise durch sämtliche der zahlreichen Roadblocks einfach hindurch gewunken. Mag sein das sich die Situation für Autoreisende anders darstellt, aber zumindest die Zweiradfahrer bleiben hier neuerdings scheinbar unbehelligt.

Nicaragua, das klingt schon irgendwie spannend. Als Kind der 80ger kennt man diese Ecke der Welt nur von politisch korrekten Drittweltläden und politisch unkorrekten Affären. Nun höchstpersönlich im letzten der CA-4 Länder (Grenzinfos zu den CA-4 bald unter https://moppedrun.wordpress.com/tipps/grenzerfahrungen/) angekommen wir aber eines schnell klar: Nica rockt!

Die Düse

Now it is too late...

Now it is too late…

Gleich hinter der Grenze begrüßt uns der San Christobal, der erste und nöchste der westlichen Vulkan-Kette, als – im wahrsten Wortsinn- anschaulicher „Wegweiser“ für das was uns die nächsten Tage beschäftigen sollte.

In Leon angekommen buchen wir schnellstmöglich und schon neugierig ohne Ende eine abendliche Vulkantour. Die Tour wird über einen lokale Lommunitiy gebucht, ist zwar ein wenig teurer als beim professionellen Anbieter, aber ein paar Bucks sind für die Erhaltung der Infrastruktur und abschließend gehen wir in der Gemeinschaftsküche der Vulkan-Community noch etwas Gallo Pinto essen, so das ein Teil der Einkünfte auch der lokalen Gemeinde zugute kommt. Dennoch bin ich überrascht als wir am nächsten Tag, ganz profesionell, mit einem Toyota HZJ aufgegabelt werden, ist dies doch eine Auto was, aus Afrika wohlbekannt, eigentlich erst dann zum Zuge kommt wenn ein Hilux nicht mehr weiter kann. Und tatsächlich verwandelt sich der Single-Track nach der ersten Hälfte der 1,5h Anfahrt von Tiefsand (an der Stelle sind wir schon froh nicht mit den BMWs unterwegs zu sein) in eine ausgewaschene, steile, richtig grobe Geröllpiste. Harter Stoff, nicht nur fürn Toyo, auch für uns fünf Mitfahrer die sich mit aller Macht am Dach abstützen! Anschließend folgt noch eine weitere Stunde Aufstieg per pedes über losen Schutt, eine trotz tief stehender Sonne schweißtreibende Angelegenheit. Doch der Blick zum und noch mehr der Sound vom nahen Krater geben uns Rückenwind, denn der Telica ist aktiv!

Der Blick in den Schlund offenbart zwar keinen riesigen blubbernden Lavasee, aber am Boden des Trichters sieht man das grelle orange Leuchten flüssigen Gesteins und, mehr

Krater (laut)

Krater (laut)

überraschend, das irre laute Fauchen der aus dem Fels gepressten Gase. Am besten lässt sich die ganze Sache vielleicht mit folgender Metapher umschreiben: stellt euch ein riesiges Phantom-Triebwerk vor das, mit Auslass noch oben und Nachbrenner auf Vollgas, hochkant im Boden eines Felstrichters eingemauert ist… das kommt auch geräuschmäßig am besten hin.

Der Sonnenuntergangs -Ausflug zu einem nahen Aussichtspunkt wird durch ein paar aufziehenden Wolken getrübt, aber der anschließende Hike im Dunkeln zurück hoch zum Krater bleibt davon unberührt. War der Aussicht in das Loch zum Erdkern bei Tageslicht schon beeindruckend, wird im Dunkeln tatsächlich noch mal eine Schippe nachgelegt.

die Lava.

die Lava.

Nicht nur im Zentrum erkennt man die glühende Erdmasse, nun zeigt sich das der ganze Trichter garnicht massiv, sondern löchrig wie ein Schwamm ist und überall strahlt feurig die flüssige Masse aus tausend kleinen Löchern. Die große Düse faucht weiterhin, aber ohne die Sonne im Nacken spürt man nun auch die Hitze die aus dem 150m tiefen Loch zu uns heraufstrahlt. Irre.

In der stockfinsteren Nacht beginnen wir den Abstieg hinunter ins Dorf um dort unsere Mahlzeit einzunehmen, bei der uns auch der hiesige „Vulkanwart“ Gesellschaft leistet. Dreimal pro Woche steigt er zum Gipfel und misst die Abgastemperatur per Laserfühler. Heute sind moderate 350°C verzeichnet, ab 700° gilt erhöhte Alarmbereitschaft, ab 900° wird evakuiert… er weiß was es heißt auf einem Vulkan zu leben. Auf der Rückfahrt nehmen wir noch ein Paket und zwei Anhalter mit, so sind wir mit dem guten Gefühl unterwegs der Community, die weit abseits vom Stadtrummel kaum an den Gästen partizipiert, auch wirklich Etwas zurückgegeben zu haben.

Das Brett

Aber wie bescheuert muss man sein, ungeachtet der Aussicht ins flüssige Erdinnere, um einen steilen Berg in der Mittagshitze hinauf und anschließend auch wieder hinunter zu laufen? Ziemlich. Also machen wirs am nächsten Tag besser und besteigen den Cerro Negro zwar zu Fuß, aber nicht ohne ein Brett geschultert zu haben mit dem sich anschließend die unerhört steile 45°-Schräge wieder hinunterrutschen lässt 😉

Ready to race

Ready to race

Wir genießen die sagenhafte Aussicht vom Gipfel, auch wenn uns dank der Fußbodebheizung die Sohlen langsam heiß werden. Der Krater ist zwar verschüttet, aber auch dieser Feuerberg ist aktiv und wirft in schöner Regelmäßigkeit schwarzen Sand aufs Umland – daher auch die markiert Evakuierungsroute die im Gefahrenfall den Wanderer direkt über die Steilflanke nach unten führt, die die wir nun hinunter rutschen wollen. Wobei der ausgeworfene „Sand“ in der Anmutung dabei eher einem schwarzer Blähtonmasse gleicht. _DSC8225Der wilde Ritt zum Sonnenuntergang läuft langsam an (der Vulkansand hat irre Reibung), wird an der Flanke des Berges aber zusehends heftiger und der Schotter fliegt einem so kräftig um die Ohren das man, selbst wenn man jauchzen wollte, besser den Mund geschlossen hält (ich lad vielleicht mal das Video hoch). Wer seine Hacken nicht kräftig genug in den Grund drückt kommt leicht von der Ideallinie ab und dann blitzartig ins Trudeln. Ratsch, schon kippt mein Board nach rechts und durchs Hosenbein schiebt sich soviel Kies in meine Anzug, das ich bei Ankunft im Tal gefühlte zwei Kilogramm davon aus meiner Unterhose schütteln kann. Unglaublich Spaß gemacht hats trotzdem wahnsinnig!

Ein paar Felsenbilder wie immer unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/zentralamerika/

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2 Kommentare zu “Die Düse

  1. Helmut u. Maggi sagt:

    Ihr Zwei seit einfach nur stark ! Komplett lustig – wie kann man das noch toppen ?

    Liebe Grüße aus der Ferne ,

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  2. Bärbel Mene sagt:

    Einfach nur WOW, hab den Linke von meiner Freundin Margit bekommen, bin begeistert von euren Beiträgen und Bildern… muss mich noch ein paar Tage durch klicken…
    LG Grüße

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