XR-Country

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2013/11/29 von Jörn

Wieder eine Grenze. In Mittelamerika kommen diese für EU-Bürger inzwischen ja fast vergessenen Unannehmlichkeiten in lästig hoher Taktung, und dies ist auch noch unsere erste Grenze zu einer „Bananen-Republik“. Nach einer unsinnigen und gebührenpflichtigen Sprühdesinfektion der Fahrzeuge (hier nebst der beiden Fahrer) geht es aber ziemlich geradlinig weiter und alle notwenigen Schalter befinden sich immerhin innerhalb nur eines Gebäudes. Alle? Nein, fast alle. Für das TIP werden Kopien benötigt, einen Fotokopierer gibt es beim Zoll aber selbstverständlich nicht. Beide Kopierläden in Nähe der Grenzstation haben geschlossen (Mittagspause?), so bleibt mir nichts anderes übrig als zu Fuß über die Grenzebrücke zu schlendern (natürlich noch ohne Stempel im Pass)  und mich im nächsten Ort bis zum Internetcafe durchfragen. Bedingt durch diese hin&herlauferei zieht sich der, eigentlich simple, Übertritt also unnötig auf zwei Stunden hin.

Sechs Jahre RTW

Sechs Jahre RTW

An der örtlichen Tanke (dort gibt es sogar einen Geldautomat(!) hält plötzlich ein Biker aus Panama neben uns. Er hat die bepackten BMWs gesehen und wollt nur mal schnell Hallo sagen. Seine Gummikuh hat über Dreihunderttausend KM auf der Uhr, und er ist gerade auf dem Heimweg von der letzten Etappe seiner 6 jährigen Weltreise. Kruzifix, muss Motorradreisen jung halten – und wenn es die Zeit zulässt folgen wir seiner spontanen Einladung nach Panama gerne.

Doch bleibt dies nicht die einzige skurrile Begegnung während des Tankstopps. Ein Pulk junger Guatemalteken befragt uns nach dem woher und wohin, soweit wie gehabt, als nächstes wird jedoch sofort nach unsere Religion gefragt… Häh? Dies verstört mich dann doch leicht, ist in Mexico der Katholizismus an jeder Ecke offensichtlich, ist in Guate der Glauben wohl verdeckter –und damit gut als Eröffnungsthema beim Smalltalk??

Aber egal, unsere Gebete jedenfalls wurden erhört! Die Region El Peten hat zwar auch noch mit hohen Wasserständen zu kämpfen – vor unserem Hotel in Flores kann man direkt AUF der Strandpromenade baden gehen (was wir auch tun ;-)), aber momentan scheint die Sonne (was sie dann auch tut wird bis wir Guate wieder verlassen – juchu!). Flores ist ein nettes Inselchen mit Kolonialer Bebauung  und selbst sonntagabends lebhafter als alle Belize“metropolen“. Doch nicht nur das Baden und die heitere Betriebsamkeit stimmen uns positiv, auch das Preisniveau ist deutlich niedriger als nur 50 Km entfernt auf der anderen Seite der Grenze. Für (gleichwertige) touristische Aktivitäten und Ausflüge sogar dramatisch niedriger! Wurde in San Ignacio (Belize) zB für die Morgentour nach Tikal über 140 US Dollar aufgerufen, sind es in Flores (Guatemala) gerade einmal 18 USD … das ist Faktor acht (in Zahlen x8!) günstiger! Wer also über genug Zeit verfügt und den Grenzübertritt nicht scheut kann in El Peten das gleiche Programm (Dschungel, Höhlen, Ruinen) zu wesentlich besseren Kurs erstehen.

Duschlauferhitzer

Duschlauferhitzer

Eine Kleinigkeit belegt allerdings dass wir nun endgültig in Zentralamerika angekommen sind: der frei verdrahtete und unisolierte Suicide-Shower (frei übersetzt: der Duschlauferhitzer ). Da elektrisches Wasser-Erhitzten sooo ineffizient ist wird der verschleuderte Strom an anderer Stelle aber wieder eingespart. 😀

Sparsam geht es in Rio Dulce am nächsten Tag allerdings nicht mehr zu. Hier wird nicht gekleckert. Die ehemalige Piraten-Hochburg mit niedlicher spanischer Festung ist nun offensichtlich eine Festung ganz anderer Art: in der ganzen Bucht, hoch überspannt von einer imposanten Brücke, liegen teure Yachten Seite an Seite – wohl also immer noch eine Art von Freibeuter-Hafen im sonst recht armen Guatemala.

erstaunlich mondän

erstaunlich mondän

Auch dient der Hafen als Einfallstor zur Karibikküste und als Zwischenstopp nach Tikal, daher ist die Infrastruktur gut in Schuss und für den Touristen wird gut gesorgt. Auch die Strasse von der Grenze hierher ist in überauss guem Zustand und wir können endlich mal wieder die Flanken unserer Reifen nutzen :-).

Der afrikanische Tag

Das sieht auf der anderen Seite des Sees ganz anders aus. Mir ist schon aufgefallen das in Guate statt billiger chinesischer 125 fast nur die robusten japanischen Marken im Straßenbild vertreten sind, allen voran dürfte Honda mit der crossigen XR-250 alleine einen Marktanteil von 50% belegen. Wir erfahren auch sofort warum.

Das in Guate nur 30% des Straßennetzes versiegelt sind war bekannt (alles was sternförmig auf Guatemala-Stadt zuläuft), aber das selbst Strecken die auf der 1:3Millionen-karte(!) eingezeichnet sind sich als einspuriger Dschungelpfad erweisen, bestürzt dann doch etwas. Grobschotterig, ausgewaschen, steil und mit 2-3 Punkten die für unsere beladenen Motorrädern einen „Point of no Return“ darstellen.

... klasse Aussicht.

… klasse Aussicht.

Wir lassen uns die Route immer wieder von einheimischen bestätigen „Si, si, Lanquin!“ und der hier rollende Schwerverkehr sowie die breiten Brücken sind Beleg dafür dass es sich bei diesem Feldweg tatsächlich um eine Fernstrasse handelt. Die Landschaft ist großartig, steile Urwaldhügel in denen sich Palmhüttendörfer verstecken (hätte ich so nicht erwartet), die Leute anfäglich noch freundlich winkend, bemerken wir später dann dass wir doch „ganz schön weit draußen“ sein müssen, als wir eher entgeistert und kopfschüttelnd angestarrt werden.

Die Wege stammen offensichtlich noch aus der Zeit der Maya, nur das sich seitdem niemand mehr um deren Erhaltung gekümmert hat. Wir sind früh gestartet, kein Problem, auch als uns prophezeit wird das wir für die letzten 50 der insgesamt 120 kilometer noch gut drei Stunden brauchen werden. Diese Schätzung lag eigentlich auch ziemlich gut, zumindest solange bis zu dem Moment als vor uns in einer Serpentine plötzlich ein LKW klemmt. Der Laster hat sich extrem ungünstig am Scheitelpunkt festgefahren und blockiert nun in ganzer Breite den Fahrweg. Links kein Platz zum Vorbeifahren, rechts kein Platz… huch…zum Bremsen reichts zwar noch, doch der Schotterpfad bietet keinerlei Halt und RUMMS bekommt meine Sertao zum ersten Mal krachend Bodenkontakt. Auf dem steilen Weg können wir das Mopped gemeinsam gerade so aufrichten, zum Abstellen und Wunden lecken ist die Unglückstelle aber viel zu steil, dazu müssen wir erst zurück zu einem wesentlich flacheren Stück runter zur Talsohle. Kurze Inspektion: nix wildes passiert, aber nun müssen wir, in bester Mittagshitze, erstmal zu Fuß den Berg wieder erklimmen.

..und schwerer...

..und schwerer…

Die LKW-Besatzung hat inzwischen schon etwas Material unter die Räder geschafft, der anschließende Befreiungsversuch bleibt allerdings erfolglos. Eine größere Umfahrung der Klemmstelle ist bedingt durch ein Militärgebiet nicht möglich, erst als ein Einheimischer sein Mopped am LKW vorbei durch den Graben peitscht sehen wir immerhin diese Möglichkeit als tatsächlich machbar :-). Nun ist eine beladene GS keine XR, aber mit etwas Steinerücken und ein bisschen Planieren können wir eine Rinne schaffen die zwar ziemlich steil und nur ca 10cm breiter als unsere kofferbewehrte GS ist, aber mit genug Anlauf und dem richtigen Winkel durchaus gangbar. Wir eilen zurück und holen die Moppeds, nehmen Schwung und schaffen beide den engen Durchstich im ersten Anlauf –Yepeeh – wir fühlen uns wie Dakar-Veteranen! Doch nun wird es langsam spät, keine Zeit mehr für eine Mittagspause. Abgekämpft und hungrig kommen wir, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, endlich heilfroh in Lanquin an.

Schwimmer in der Höhle

Aber nicht nur wegen des Abendessens freuen wir uns hier zu sein. Das “El Retrio“ ist eine echte Oase mitten im Dschungel, direkt an einer Uferböschung gelegen, ducken sich verstreut einige Lauben unter Palmen, zentriert um den gemeinsamen Grill, Essplatz und einige Badeplattformen- wunderschön. Und von hier aus sind es auch nur noch 10 Km (1h) bis zum märchenhaften Semuc Champey- der „Ort wo sich dasWasser versteckt“.

von oben fast noch schöner...

von oben fast noch schöner…

Der Rio Chahabon hat hier ein tiefe Schlucht gegraben und verschwindet gurgelnd in einer Höhle, ein Teil des Wassers allerdings staut sich, glasklar und grün bis blau schimmernd, in einigen überidischen Pools. Den kompletten nächsten Tag verbringen wir auf dem Gelände, schwimmend und über Leitern steigend und springend in einer nur von Kerzen beleuchteten Höhle, später lässig auf LKW-Schläuchen durchs Oberflächen-Wasser treibend. Der schweißtreibende Aufstieg zu DEM Aussichtspunkt wird anschließend dann mit einem erfrischendem Bad in den natürlichen Pools belohnt (wobei der Ausblick wirklich atemberaubend schön ist; von oben auf die Pools zu blicken ist wesentlich spektakulärer als später darin zu schwimmen ;-). Auch wenn es weit abseits in den Bergen liegt und die Anfahrt anstrengend ist (etwas zartere Gemüter dürfen gerne über Coban anreisen), Semuc Champey dürfte einer der schönsten Plätze in Zentralamerika sein.

Man tendiert ja dazu ein Land nach den Erfahrungen der ersten ein bis zwei Tage zu beurteilen, nur allzu leicht bekommt man in den ersten Stunden vorschnell entweder die rosa Brille oder die Hasskappe aufgestülpt. Aber Guatemala kann, auch nach der gelungenen „Begrüßung“ in Flores, weiterhin noch immer und mehr & mehr begeistern! So lassen wir uns dann auch gerne von anderen Travellern überzeugen und beschließen doch noch einen Besuch am, eigentlich touristisch völlig ausgeschlachteten, Lago Atitlan – den, laut Eigenwerbung, schönsten See der Welt.

Bilder aus Flores, Rio Dulce und Semuc Champey wie immer unter https://moppedrun.wordpress.com/aussichten/zentralamerika/

2 Kommentare zu “XR-Country

  1. Marco sagt:

    Jörn,
    Wir sind sooooo neidisch 🙂

    Bringste Schnapspralinen mit??

    LG und nen schönen 1. Advent

    Marco

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    • Jörn sagt:

      Ei Marco, hier ist alles schon so weihnachtlich 😉
      Leider gibts keine Sandinistischen Schnapspralinen, aber ich kann die ja ne Dose Rum & en Twix zum selberbasteln mitbringen 😀
      VG Jörn

      Liken

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