Man kann auch ohne Beine…

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2013/09/22 von Jörn

Benzin liegt in der Luft

Neben den „Topes“, den teilweise extrem steilen Bremsschwellen im Boden, sind Stoppschilder der zweite große Nervfaktor im mexikanischen Stassenverkehr. Zahlreich, selbst an Durchgangsstrassen im 30m Abstand verbaut und meist gut hinter einer Ecke oder auf der anderen Straßenseite versteckt (am besten auf den verblassten Strich auf dem Asphalt achten!), sind dies weit geöffnete Fettnäpfchen für Verkehrsvergehen und so rauschen wir auch gleich an unserem ersten Tag in Mexiko schön über eine verdeckte Alto-Markierung – natürlich direkt vor den Augen der Gesetzeshüter. Diese fahren zuerst, wohl um die Spannung zu erhöhen, drei Kilometer hinter uns her, um uns endlich innerhalb einer Baustelle (Fluchtgefahr?) herauszuhupen. Wir sind auf dem Weg zum Strand und haben, natürlich, keine Papiere dabei (wieso auch, wir sind ja eh noch nicht eingereist). Nach kurzer Diskussion –„Somos Alemanos, no habla Espanol“- wird der Taschenrechner gezückt und uns die Straf-Summe, in Pesos wie in Dollars, sowie der Weg zur Wache gezeigt. Nach der überzeugenden Darstellung nicht über die fälligen 50 USD zu verfügen und etwas hilflosen Gestammel „Wir fahren ins Hotel und holen die Papiere!“ ändert sich der Habitus der Streife und grummelig gibt sich der Herr Oberwachtmeister auch mit den gezeigten ca 40 Dollar zufrieden – für diesen Betrag wird allerdings der Strafzettelblock wieder weggepackt. Man kann sich moralisch ja gerne von solchen Aktionen distanzieren, aber wenn mal der Vorteil ausnahmsweise auf der eigenen Seite liegt ist der Fall ja hoffentlich verzeihlich, oder?

Die ganze Baja California atmet Benzin! Allgegenwärtig, selbst im kleinsten Kaff, sind die Sticker der Rallye- Teams auf allen Restauranttüren und so mancher (Möchtergern-) Race-Truck röhrt durch die Strassen von Ensenada. Hier ist nämlich der Start- und/oder manchmal auch Zielpunkt der berühmten Baja-Rennen – Ensenada ist also quasi Paris und Dakar in einem! Überall auf der Baja sind auch Dune-Buggys auf Käferbasis unterwegs, in nur allen erdenklichen Erhaltungszuständen und Motorisierungen. Zwei Typen mit bunten Enduros gehören hier zum geläufigen Straßenbild, keiner spricht uns mehr an, höchsMoppedstickertens nur darauf dass wir für die nächsten Läufe der Baja 1000 vier Wochen zu früh vor Ort sind ;-). Aber an der Fensterscheibe einer Cantina findet wenigstens der erste „Moppedrunde“-Aufkleber ein würdiges Zuhause.

Auch unser eigenes Faltzuhause findet einen würdigen Premierenplatz am Strand! Für die erste Zeltnacht wählen wir einen (trotz einiger Häuser) menschenleeren Strand nahe San Felipe an der Cortez-See. cortezseeDiese hat einen kräftigen Tidehub und die Küste ist hier flach, so dass wir uns beeilen müssen auch noch nass zu werden. Eben noch schultertief im Wasser sitzen wir ein paar Minuten später sprichwörtlich auf dem Trockenen – ein tropisches Wattenmeer. Aber selbst wenn das Wasser öfters mal abwesend ist war die von den „Krad-Vagabunden“ Panny & Simon inspirierte Entscheidung auf dieser rauen aber schöneren Seite der Halbinsel südwärts zu fahren statt den schnellen aber langweilige Highway 1 zu nehmen, goldrichtig. Beim Abendessen lernen wir auch prompt noch ein Team von BF Goodrich kennen, die momentan in der Gegen unterwegs sind um Versorgungswege für das nächste Rennen der SCORE- Serie zu scouten. So kriegen wir aktuellste Streckentipps direkt vom Rallye-Profi, artgerecht im Format „nach der 25. Flussbett-Durchfahrt links“.

Die knapp 220 km lange Strecke entlang der Cortez-See hat’s in sich, geht zwar im großen Bogen wieder zurück zum Highway 1, aber ist nicht durchgehend geteert – das letzten Drittel sind Schotterpisten mit fiesen Weichsandstücken- und führt durch größtenteils unbewohnte wüstenhafte Gebiete – nur ein paar vereinzelte Campos ducken sich an der flirrend heißen Küste. Wir bunkern Getränke und Essen, dies wird die erste Bewährungsprobe für unsere BMW-Pseudo-Offroader. Es ist brüllend heiß! Ok, wir sind noch innerhalb der Sommerpause unterwegs, aber das uns in Puertocito (die einzige Ortschaft auf der Strecke!) niemand ein kühles Getränk verkaufen möchte -wenn wir nicht 15USD Eintritt bezahlen- befremdet mich doch schon sehr. Verlassen steht ein bisschen weiter die skurrile Kneipe „Cowpatty“ am staubigen Straßenrand.

cowpattyDie Kuhweide ist zwar eigentlich auch noch geschlossen, aber Josh, ein Rentner der hier in der Off-season ab und zu nach dem Rechten sieht, öffnet zum Glück die Kühlbox extra für uns und versorgt uns mit der dringend benötigten Zuckerbrause und weitern Reisetipps- mit solchen Begegnungen macht das Reisen doch deutlich mehr Spaß.

Und er hat Rebajalandschaftcht behalten: die nächsten 50 km bevor der Asphalt endet wurden vor zwei Jahren nagelneu geteert und sind der beste Ride den die Baja zu bieten hat. Nach vielen Oh´s und Ah´s finden wir abends und hinter dem Ende aller Straßen dann auch noch -nach seiner Beschreibung- im „Alfonsinas“ eine einzigartige Unterkunft (mehr dazu demnächst in entsprechender Unterrubrik), bajastranddirekt am Sandstrand, auf drei Seiten von der Cortez-See umspült und vom Vollmond beschienen – ein Prachtstück das wir sonst niemals gefunden hätten.

Der Erste verlässt die Moppedrunde

Doch die Traumstrände und Bilderbuch-Baja (abseits von der Küste geht’s durch bizarre Kaktebajapisteen-Wälder) müssen schlussendlich sauer verdient werden. Für die verbleibenden letzten 70 Pistenkilometer quälen wir uns einen ¾ Tag durch Sand und über Wellblech, mit unseren voll beladenen (überladenen?) Eseln kein Spaß und ein initialer Belastungstest für Fahrer und Material. Und bei dieser Gelegenheit verabschiedet sich dann auch gleich der erste Teilnehmer aus der Moppedrunde. Klammheimlich macht sich mein rechter oberer Kofferhalter aus (oder besser in) dem Staub. Unbemerkt, solange bis ich plötzlich im Rückspiegel meinen Katzekoffer wild Saltos schlagend ins Gesträuch poltern sehe… Schock! Doch verblüffend schadlos hat die alte RMS-Kiste die Notlandung überstanden und, außer ein paar Kratzern außen, ist tatsächlich auch innen alles heil geblieben. Selbst der gebunkerte Merlot hat den Sturz Gott sei Dank unbeschadet überlebt, sonst hättet ihr mich in Zukunft ausschließlich mit rosa Batikhemden bewundern können 😉

Lohn für die Mühsal und die ganze Pistenschaukelei  ist unter anderem aber auch die Begegnung mit kauzigen Gestallten wie zB Coco. Inmitten der Wüste sitz er, mutterseelenallein, in seinen (wie soll man’s nennen?) Etablissement, wartet auf die 3-5 Fahrzeuge die hier täglich verkehren und ihm etwas Abwechselung bringen. Schon von weitem wird Coco´s Corner (die es tatsächlich schon als Eintrag in die eine oder andere Straßenkarte geschafft hat)  mit einer „Landebahn“ aus Bierdosen angekündigt und wer hier vorbeifährt ist selbst dran schuld. Wir sind ihm bereits von den BF Goodrich´s angekündigt worden und so erwartet er uns längst mit kalten Getränken. Jeder Tourist cocoder einkehrt wird allerdings gezwungen auch seinen persönlichen Beitrag zur Corner zu leisten, zumindest ein üppiger Eintrag im jahrealten unglaublich dicken „Kondolenz“buch ist Pflicht. Reisende Damen werden überdies dazu bewegt noch ein Höschen als Dankeschön zu spenden. Die ganze Decke der Corner ist geschmückt mit Schlübbern unterschiedlichster Machart, oft auch mit Widmung versehen. Was im ersten Moment wie eine etwas abnormer Fetisch erscheint relativiert sich jedoch sofort, wenn man weiß das Coco, hier draußen in seinem einsamen staubigen Quartier, mehr als eine Stunde Fahrt von der nächsten menschlichen Behausung entfernt, sein Leben ohne Beine fristet! Er rutscht auf Knien über den Hüttenboden, ansonsten gibt ihm sein ATV ein bisschen Mobilität.

Aber er verzagt nicht, schlbberdeckeist voller lustiger Geschichten, freut sich über jeden Fremden der anhält und ist mit sich und der Welt im Reinen wenn er, abends vorm Einschlafen, noch mal schnell hoch zur Schlüpferdecke schaut…

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4 Kommentare zu “Man kann auch ohne Beine…

  1. Andi sagt:

    Moin Mädels,

    schön dass ihr inzwischen vernünftig unterwegs seid!
    Die Polizeigeschichte hat mich doch gleich wieder daran erinnert dass in Mexiko jegliches Vergehen (oder auch Verlaufen) pauschal mit 50 USD veranschlagt wird :). Habt euch aber ganz schön breitschlagen lassen finde ich… Und Vorsicht vor Lagunen!

    Viel Spaß weiterhin und ihr hättet ruhig ein Höschen mit aufhängen können 🙂
    Gruß,
    Andi

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    • Jörn sagt:

      Bei Kradreisen haben Packmaß und Gewicht obere Priorität, am meisten lässt sich da gerade bei der Unterwäsche sparen! Unsere einzige, 3x gewendet wollte Coco dann auch nicht ;-).
      Selbstverständlich hatte ich zuerst 15$ „verstanden“, aber mit den Moppeds und ohne Papiere hatten wir ne schlechte Basis zum verhandeln. Aber 30€ „Strafe“ für uns beide zusammen find ich nicht übertrieben, zumal wir das arme Stoppschild ja wirklich überfahren haben (zum Glück ist ihm nichts passiert!)

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  2. Maggi u. Helmut sagt:

    Tolle Reise, tolle Berichte u. tolle Kerle !!
    Wir reisen von zuhause aus mit und freuen uns auf den nächsten Bericht.
    Viele Grüße aus der HEIMAT:
    Maggi u. Helmut

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  3. swamp sagt:

    hey you didnt tell me that you met Coco!
    jeez. if i could have read your blog earlier we would have had more to talk about.
    well, maybe later then.

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