Peng

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2013/09/16 von Jörn

Der Startschuss ist zwar schon fast verhallt, aber jetzt geht die Moppedrunde endlich richtig los und wir haben die Vereinigten Staaten hinter uns gelassen – zumindest erstmal physikalisch, doch dazu später mehr…

Die Kennzeichen sind da!

Wir holen uns die KFZ-Schilder und Fahrzeugscheine von BMW San Diego ab, Antoinette überreicht uns „offiziell“ die Schlüssel – nun gehören die Bikes ganz amtlich uns und sind auch behördlich reisebereit. Damit ist die größte Hürde übersprungen und da inzwischen auch alles wichtige Zubehör eingetroffen und montiert ist, steht dem feierlichen Aufbruch nichts mehr im Wege und wir verlassen nun unser kalifornischen Werkstatt- und Strandleben.

Alleine Kalifornien ist etwa 20% größer als  Deutschland und wir haben uns nur in und um San Diego beweg – wir haben vom Golden State also nur einen verschwindend kleinen Teil gesehen. Aber das was wir gesehen haben hat beeindruckt!  Davon auf die ganzen US von A zu schließen ist unmöglich, aber zumindest das Lebensgefühl an der Westküste lässt sich hier erhaschen.

Ein solch buntes Miteinander von unterschiedlichsten Ethnien, Hautfarben und  Religionen ist wahrscheinlich wirklich beispiellos und das Selbstverständnis einer solchen Gesellschaft so wohl nur vor Ort zu erfahren. Ein Vielvölkerstaat ohne eine zusammenschweißend lange Geschichte auf der Suche nach einer gemeinsamen Umgangsweise, da scheint plötzlich selbst die meist übertriebene Political Correctness  zumindest ansatzweise verständlich. Viel mehr Bindeglieder als die einzige Tatsache „Amerikaner zu sein“ sind hier auch nur schwer auszumachen. Und plötzlich stellt sich auch ein bisschen Verständnis ein für einen Patriotismus, der vielleicht nicht wirklich die „freie Welt“ beschützen will, sondern eigentlich nur eben dieses Lebensgefühl des Frei-Seins (schwierig an dieser stelle nicht in Allgemeinplätze zu verfallen). So schnell fallen Vorurteile.

Doch auch abseits vom Soziokulturellem ist vieles offen, locker oder „frei“ (da isses wieder). Überall und jederzeit ist Zeit für einen Plausch, da kann schon längst bezahlt und die Schlange an der Kasse noch so lang sein, der Kassierer befragt uns ausführlich über das wie und wohin – und niemand beschwert sich!  Ähnlich easy der Straßenverkehr. Zwei Motorräder planlos im Gewirr einer Millionenstadt, wild fahrspurwechselnd und illegal abbiegend, aber jeder macht Platz, gibt freundlich Handzeichen und hält ausreichend Abstand zum Einfädeln… und denkt daran: dies kann kein Touristenbonus sein, wir haben kalifornische Kennzeichen! Ich habe jedenfalls in Südkalifornien auf 1000 Meilen Strecke nicht ein einziges Mal eine Hupe gehört – klar dass die Amis Angst haben in Mexiko zu fahren!

Noch nie ist man mir mit soviel Interesse an der geplanten Reise entgegengekommen, ständig werden wir ausgefragt und bestaunt und selbst auf dem Freeway werden wir und unsere -hier extrem exotischen- Reiseuntersätze im Vorbeifahren gefilmt. Ob vom Volltätowierten (incl Glatze) mit GBH-Shirt, ob alte Oma mit Hund, selbst an der roten Ampel stehend (und wir stehen viel an roten Ampeln, da im Land der unbegrenzten Fahrzeuggrößen zwei kleine 650er nicht genug Masse aufbringen die Grünphase zu triggern –so müssen wir manchmal warten bis der nächste Pick-up kommt!) werden wir angequatscht. Ziemlich crazy – macht aber Spaß.

Auch in der Essecke is(s)t man kosmopolitisch, reicht sich die ganze Welt die Klinke in die Hand. Klischeegerecht werden landestypische Buletten-Gerichte tatsächlich meist mit Plastebesteck auf Styropor gereicht. Aber für ein paar Dollar mehr gibt es nicht nur Porzellan, sondern auch nicht-amerikanisiertes aus Vietnam, Persien und Nepal; selbst der Inder rollt hier Nichtalltägliches aufs Tablett und es gab endlich mal wieder Dosa.

Die größte Volkswirtschaft der Welt hat also ein überraschend sympathisches (Urlaubs)Bild hinterlassen. Der liberale Umgang untereinander färbt das Lebensgefühl,  jeder kann „Tun und Lassen was er will“ (noch nie hab ich sooo viele alte Männer mit langen Haaren gesehenJ). Die Schattenseiten des American Way Of Life sollen indes nicht unter den Tisch gekehrt werden. Niemand schert sich, aber es „kümmert“ sich eben auch niemand. Bei null Tagen gesetzlichem Urlaubsanspruch und null Tagen Kündigungsfrist ist jeder auf sich alleine gestellt – dies ist ein Land für Macher. Und diese Attitüde lässt sich spüren…

Bienvenido Ensenada

Nun ist alles anders. Wir sind in der AMZ, der Adventure Motorcycling Zone, wie Chris Scott sie in seinem Adventure Motorcycling Handbook (empfehlenswerte Lektüre mit tollen Bildern ;-)) beschreibt. Diese beginnt noch vor dem eigentlichen Landeswechsel. Nerven Grenzübertritte normalerweise mit ausufernder Bürokratie ist es diesmal umgekehrt und wir nerven die Grenzer!

Wir benutzen Tecate, einen kleinen, ruhigen Übergang im Hinterland und nachdem wir vor einem Schalterhäuschen anhalten sind wir unvermittelt bereits über die Grenzlinie gefahren unerwartet schon im Mexiko. Also zurück und den versteckten US Border Post gesucht. Zuerst bestehen wir dort auf einem Ausreisestempel … der offensichtlich nicht vorhanden ist. Man scheucht uns schlussendlich ohne Ausreisedokument wieder zurück über die Linie. Dort nimmt sich ein -gut englisch sprechender- Beamter den schwitzenden Motorradbrüdern an, am Ende allerdings auch ergebnislos. Die Immigration ist heute leider unbesetzt, und ohne Immi gibt es im TIP-Büro (das sinnfreierweise geöffnet ist) keine Einreisepapiere für die Moppeds! Im Zuge des kleinen Grenzverkehrs dürfen wir allerdings trotzdem einreisen, man wimmelt uns ab mit dem Hinweis, den lästigen Papierkram doch im 100 Km entfernten Ensenada beim Hafen-Zoll zu erledigen- auch gut. Später dort angekommen erfahren wir vom zuständen Grenzbeamten, den wir zuerst diskret aus dem Mittagsschlaf wecken müssen, das sein Büro leider bereits geschlossen ist. Morgen ist Sonntag und übermorgen Nationalfeiertag, vor Dienstag tut sich hier Nichts. Unser beharrliches Bestehen auf einen Stempel wird mit dem Hinweis abgetan, die Einreise nach Mexiko auch im knapp 1400 Kilometer(!) entfernten La Paz bei Verlassen der Baja California erledigen zu können. Obs stimmt?!? Nun sind wir offiziell weder aus den USA aus- noch in Mexiko eingereist und falls wir auch in La Paz wieder abgewimmelt werden sollten müssten wir die ganze Strecke auf gleichem Weg zurück ….

Aber heute feiern wir erst mal zusammen mit den Mexikanern ihren Unabhängigkeitstag- Viva Mexico – Salute!

mission beachMeine neue NummerDer Esel (bepackt)Schlüsselübergabe

Fiesta

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2 Kommentare zu “Peng

  1. Blondie sagt:

    Hui, die Urlaubsbegeisterung für Californien kann ich soooo gut verstehen! Ich freu mich, dass ihr nun endlich on the road seid & hoffe es geht alles glatt mit der Ein-/Ausreise in La Paz. *daumendrück*
    Ganz liebe Grüße aus dem hohen Norden, in dem die Luft immer dünner wird 😉

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  2. Anja sagt:

    Hey Travellers,
    ich komme erst jetzt dazu, eure weiteren Berichte zu lesen und hab den Californienteil mit großer innerer Zustimmung gelesen – genauso hab ich es auch erlebt und gesehen!
    Grüße aus dem herbstlichen Germany

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